Sexismus im Unterricht

 

Ich dachte ja, im Jahre 2022 würde es unsere Gesellschaft langsam mal schaffen, zu Dingen wie Sexismus vor allem in der Schule nicht auch noch zu ermutigen.

 

Anscheinend ist das aber nicht der Fall.

 

Unser Thema in Religion ist momentan »Typisch Mann, typisch Frau«.

 

Während das Thema einen generell mit der Frage »Äh… und alle anderen Geschlechter?«, da stehen lässt, war unsere erste Unterrichtsstunde zu diesem Thema so aufgebaut:

 

Wir wurden erst mal in Gruppen sortiert, bei denen Geschlechter getrennt wurden. Natürlich durften wir uns dabei auch nicht aussuchen, in welche Gruppe wir gehen, wir wurden einfach nach unserem Geburtsgeschlecht sortiert.

 

Danach bekamen alle die gleiche Aufgabe:

 

»So sind sie die… Jungs« für die Mädchen und

 

»So sind sie die… Mädchen« für die Jungs.

 

Sinn und Zweck dieser Aufgabe war es, Vorurteile über das andere Geschlecht auf ein Plakat zu schreiben.

 

Vorurteile, Stereotypen, all das, von dem uns eigentlich antrainiert wurde, nicht so zu denken, wurde nun gefordert.

 

Warum?

 

Vielleicht war die Stunde dazu da uns klar zu machen, was Stereotypen sind und im Laufe des weiteren Unterrichts werden wir dann besprechen, dass man nicht danach handeln muss, etc.

 

Ich habe keine Ahnung.

 

Aber allein schon das Thema… Typisch Mann, typisch Frau.

 

Natürlich gibt es Klischees, die wird es immer geben, denn unsere Gesellschaft wird nicht mehr lange genug leben um eine Welt zu schaffen, in der alle gleich behandelt werden ohne gleich sein zu müssen.

 

Aber trotzdem… außerdem gibt es, wie gesagt, Leute die sich nicht in die Kategorien »Mann« und »Frau« einordnen.

 

Ich verstehe das Thema nicht wirklich. Wahrscheinlich ist es nicht mal so gemeint, wie ich es jetzt auffasse, aber es gibt gewisse Dinge, die - zumindest mir - allein schon der Titel und diese Unterrichtsstunde vermitteln.

 

Nämlich: »Wenn du als Mann geboren wurdest, dann gibt es diese Klischees und Vorurteile über dein Geschlecht und du bist und bleibst ein Mann.« Dasselbe gilt auch für Frauen.

 

Aber alles davon stimmt doch nicht.

 

Und mehr Leute als nur ich verließen diese Stunde teils wütend, teils geschockt und teils mit dem festen Entschluss, zu fragen, ob man ein freiwilliges Referat über unterschiedliche Gender halten könne. Na gut, letzteres trifft wahrscheinlich nur auf mich zu, aber trotzdem.

 

 

Heute sollten wir, da wir mit unserem Plakat bereits fertig waren, einen Text darüber schreiben, wie Jungs sich gegenüber Mädchen verhalten sollten.

 

Hier zwei Beispiele von Letta und Julia:

 

Letta: Wie sollten sich Jungs in Gegenwart von Mädchen verhalten?

Ich finde diese Frage schwer zu beantworten. Da jeder anders ist und andere Erwartungen oder Wünsche gegenüber anderen hat. Als kleines Kind wird einem das nicht beigebracht, also entstehen nach und nach Erwartungen von einem selbst an andere. Auch jeder Junge geht anders mit Mädchen um. Mein bester Ratschlag daher ist, die Jungs sollten jedes Mädchen gut kennenlernen, denn so lernt man, wie man am besten rüberkommt oder sympathisch wirkt. Es gibt keine Regel, wie Mädchen sind. Deshalb gibt es auch keine Regel wie man sich benehmen sollte. Es könnte ja sein, dass ein Mädchen gar nicht auf Jungs steht, egal wie sie sich benehmen. Es gibt kein „So sollte ein Junge zu Mädchen sein.“ Jeder entscheidet das selbst, weil jeder anders ist. Genauso wenig gibt es ein „so tickt ein Junge“ oder „so tickt ein Mädchen“ oder auch „so tickt eine diverse Person“. Man sollte Menschen nicht nach Geschlechtern sortieren. Natürlich könnte ich jetzt aufzählen, was ich von einem Jungen erwarte, aber ich könnte nicht aufzählen, was zum Beispiel meine beste Freundin oder andere Mädchen erwarten würden. Deshalb gibt es meiner Meinung nach auch keine Regeln oder Ratschläge, für alle, es kommt nur darauf an, wer man ist.

 

 

Julia:

 

Jungs sollten im Umgang mit Mädchen…

Ich finde nicht, dass es hierfür eine allgemeine Antwort gibt, denn man kann nicht jeden Jungen verallgemeinern. Jede Person ist verschieden und Geschlechtsrollen – egal ob männlich, weiblich oder divers – spielen bei den Eigenschaften eines Menschen keine Rolle. Natürlich gibt es Klischees und Stereotypen, aber unsere Gesellschaft sollte sich nicht anhand dieser orientieren und Menschen unabhängig ihres Geschlechtes behandeln. Bleibt man keinen Klischees treu, beschweren sich Leute, und man wird ausgelacht.

Das muss enden und ist nicht in Ordnung. Nur weil ich ein Mädchen bin, bin ich nicht dazu verpflichtet mich zu schminken oder modische Klamotten zu tragen. Und Jungen sind nicht dazu verpflichtet, sportlich zu sein und nie Gefühle zu zeigen. Diverse Leute sind keine seltsamen Freaks und Menschen wie wir.

Eigenschaften und Verhaltensweisen anhand eines Geschlechtes festzumachen ist sexistisch und nicht einmal wahrheitsentsprechend. Jeder Mensch hat das Recht dazu, so zu sein wie er will ohne sich von Klischees und Stereotypen in eine bestimmte Richtung drängen zu lassen. Es wird Zeit, dass unsere Gesellschaft sich nicht mehr an Geschlechtsrollen sondern am Charakter einer Person orientiert. Jeder hat das Recht, gleich behandelt zu werden, und trotzdem anders zu sein.

 

 Julia und Letta

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Hannah (Freitag, 29 April 2022 13:56)

    Jeder sollte jeden mit Respekt behandeln, unabhängig vom Geschlecht.
    Guter Artikel!

  • #2

    Dorian (Freitag, 29 April 2022 14:54)

    Schon bescheurt, Vorallem das ihr euch nicht selbst aussuchen dürftet, zu welchem Geschlecht ihr gehört.

  • #3

    A (Freitag, 29 April 2022 15:13)

    Interessant wäre zu wissen, was der pädagogische Hintergrund davon war bzw. sein sollte. Deckt ihr Stereotypen erst auf, um sie dann in der nächsten Stunde zu entkräften? Möchte die Lehrkraft, dass ihr weltoffener und aufgeschlossener aus diesem Unterricht herausgeht? Falls nicht, ist es wohl eure Aufgabe (wie schon oft), sicherzustellen, dass eure Lehrkräfte und Kultusminister*innen aus dieser Sache weltoffener hinausgehen.

    PS: Seid geduldig mit den Erwachsenen. Vieles, was für euch selbstverständlich ist, war es in der Kindheit eurer Lehrer*innen und Eltern noch nicht. Da liegt dann der „Lehrauftrag“ bei euch.

  • #4

    Zauberbohne (Samstag, 30 April 2022 07:34)

    Sehr guter Artikel!