19. Dezember

Lesezeit: 4 Minuten;

 

Ich stehe, wie meine letzten acht Jahre, hier zwischen den anderen Tannen und genieße die frische, eiskalte Luft. Meine starken Wurzeln halten mich gerade und fest, an meinem Rindenkleid haften wunderschöne Eisblumen und meine dunkelgrünen Nadeln sind starr, doch glänzen im Frost. 

Durch meine Arme in der Erde spüre ich, wie mehrere Menschen in unsere Richtung durch den Schnee gestapft kommen, ich nehme an, es ist eine Familie, die sich eine von unseren Tannenfreunden aussucht, um sie für Weihnachten zu schmücken. Zumindest wurde es mir so von den älteren Tannen hier erzählt. 

Aufgeregt lausche ich den Stimmen und schon bald kann ich die vierköpfige Gruppe beobachten, die mit einem eigenartigen, gezackten Gegenstand zwischen den Bäumen umhergehen und irgendetwas über Haltungen und Nadeln und Größen besprechen. Dann stehen sie vor mir und beobachten kritisch mein Nadelkleid, doch ich sehe, wie sich ein Lächeln auf ihre blauen Lippen schleicht und ich weiß, dass sie mir die Ehre erweisen wollen, und das schon in meinem neunten Jahr!

Einer bückt sich und ich bin mir nicht sicher, was mich erwartet, doch plötzlich spüre ich einen stechenden Schmerz unter meinen Ästen an meiner Rinde und ich bekomme panische Angst, weil es nicht aufhören will. 

Nach einer kurzen Zeit lässt das sägende Geräusch nach, doch der Schmerz hat nicht nachgelassen. Ich werde auf einen Transporter gelegt und festgeschnallt an einen anderen Ort, vermutlich zum Hause der Familie, gefahren. Auch wenn ich mir das alles anders vorgestellt habe, bin ich neugierig auf das, was kommt. Ehe ich mich versehe, bin ich in eine Konstruktion geschnallt und stehe in einem warmen Wohnbereich. Meine Wurzeln fehlen mir, sowie das Gefühl, standhaft zu sein und das Wasser stillt zwar meinen Durst, aber ich sehne mich nach der kalten Erde. 

Die Menschen holen Kisten gefüllt mit bunten und leuchtenden Objekten heraus und als sie anfangen, jene Kugeln, Lichterketten, Lebkuchen und die unterschiedlichsten Figürchen an mein Nadelkleid zu hängen, freue ich mich und betrachte staunend mein leuchtendes und prachtvolles Antlitz, auf das ich sehr stolz und dankbar bin, denn ich wette, da machen viele Bäume Augen!

Diese Woche vergeht ganz anders als alle anderen Wochen davor, denn meine Situation ist eine gänzlich andere: Unter meine tiefsten Äste werden liebevoll eingepackte Geschenke gelegt und der Raum ist mit Liebe gefüllt, doch mir fehlt die Anwesenheit meiner Nachbarbäume. Aber ich komme danach ja hoffentlich wieder an den gleichen Platz zurück, zurück zu meinen Wurzeln und dem saftigen Gras. 

An Weihnachten, an dem Tag im Jahr, geht es mir nicht so, wie es mir eigentlich gehen sollte, da ich merke, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Ich erfülle meinen Platz, stehe stramm vor den Menschen, die mir ein Lied singen und sich am Abend vor mich setzen, um die Geschenke unter mir auszupacken und obwohl ich mich so für sie freue, werde ich traurig und erschöpft. Und als mir auffällt, wie ich immer mehr Nadeln verliere, meine Rinde trocken wird und mein unverwechselbarer, harziger Duft leicht entschwindet, verstehe ich, was mit mir passiert und neben meinem Stolz, Teil dieses Rituals sein zu dürfen, hoffe ich, dass ich in Erinnerung der Menschen bleibe und dass sie meine Situation und die meiner Freunde eines Tages verstehen und lernen, uns an unseren natürlichen Plätzen zu bewundern.

 

Letta


Kommentar schreiben

Kommentare: 0