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Ich bin Leer(er)

6:10 Uhr. Mein klagender Wecker reißt mich aus meinem Schlaf. Seufzend wälze ich mich im Dunkeln in meinem Bett herum und mache ihn schließlich aus. Ein quengelnder Laut kommt von meinen Lippen. Ich raffe mich also auf und knipse das Licht an. Ein Blick auf mein Handy verrät mir mehrere Informationen: Es ist Dienstag, ich habe heute 9 Stunden Unterricht, mit nur einer Pause. Prima.

In der Küche mache ich mir einen Kaffee und packe noch eben meine Unterlagen und Tests in meine lederne Tasche. Ein letzter Blick in den Spiegel zeigt mir, dass ich müde aussehe und in meinem karierten Hemd so manche Falten und Knitter zu sehen sind. Ach egal, ich muss los.

Um 7:02 Uhr komme ich an der Schule an. Noch sind keine Schüler da, das ist gut so, meine tiefe Stimme ist vermutlich noch kratzig. Gemütlich laufe ich den Gang entlang und begegne dem Schulleiter. Freundlich nicken wir uns zu, mehr brauchen wir nicht zu sagen. Es ist erst der zweite Tag der Woche und wir sind beide schon ziemlich geschafft. Zurzeit ist nämlich wieder Kurs- und Klassenarbeitsphase und alle sind momentan gestresst.

Hier sitze ich, wie jeden Morgen, auf meinem Platz im Lehrerzimmer. Zwei Plätze neben mir sitzt eine Kollegin, mit der ich mich immer herzlich unterhalte. Mein Blick schweift nach draußen. Die Sonne geht langsam auf und färbt den gesamten Himmel in ein Pastell-orange. Der frostige Pausenhof bildet einen großen Kontrast zu der warmen Tasse Tee in meinen Händen. Dort auf dem Hof spielen einige junge Schüler Fußball und toben sich aus. Manchmal wünschte ich, ich hätte morgens noch so viel Energie.

Zwanzig Minuten später füllt sich das Lehrerzimmer allmählich. Inzwischen sind meine beiden Freunde, die glücklicherweise auch meine Kollegen sind, auch da und wir erzählen und lachen gemeinsam. Nun ist auch meine Stimmung heiterer und meine Müdigkeit fast komplett weg.

Es gongt das erste Mal. Mein Alltag beginnt nun offiziell. Ich bringe noch einen letzten Witz, werfe mir die Tasche geübt über die Schulter und verlasse das Lehrerzimmer in Richtung B-Gebäude. Je näher ich dem Saal komme, desto lauter werden die kreischenden Stimmen, die durch die geschlossene Tür nur mäßig gedämpft werden. Ich seufze, sammele mich und öffne mit einem bedeutenden Stoß die Tür. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie die Hälfte der Klasse zu ihren Plätzen rennt und leider nur wenige verstummen. Ich gehe zum Pult und rufe: ,,Guten Morgen!" Eine einstimmige Begrüßung kommt zurück. Zu meinem Glück haben die jüngeren Schüler:innen Respekt vor mir. Den habe ich mir fleißig erarbeitet, bei älteren Klassen gebe ich mir in diesem Punkt weniger Mühe.

Die ersten zwei Stunden gehen zügig vorbei und ich mache mich auf den Weg zu meiner Pausenaufsicht.

Die Kälte greift meine Nase, meine Ohren und meine Hände an. Ich gehe umher und vertrete mir die Füße. Hier und da spielen Kinder mit dem Fußball, andere rennen laut umher und wieder andere stehen redend herum. Generell fällt die Anzahl an Schüler:innen draußen mager aus, da sich die meisten zurecht in der geheizten Pausenhalle sammeln.

Eine dreiköpfige Schülergruppe kommt auf mich zu und stellt mir Fragen zur morgigen Kursarbeit. Sie wirken nervös, doch ich bin mir sicher, dass sie das schaffen. 

Die nächsten beiden Stunden unterrichte ich meinen LK. Der Unterricht in der Oberstufe macht mir tendenziell am meisten Spaß, weil die Themen viel interessanter und tiefgründiger sind. Außerdem bin ich richtig gerne in diesem Kurs. Unter anderem, weil ich ihr Tutor bin, aber auch, weil die Schüler so nett und lustig sind und auch oft und gerne intelligente Fragen stellen, die mein Fachwissen manchmal sehr auf die Probe stellen. Aber es freut mich, dass ich den Stoff gut vermitteln kann und sich jeder in diesem LK dafür wirklich interessiert. Wir arbeiten mit dem Buch, besprechen Aufgaben an der Tafel und schauen uns ein kurzes Video zum Thema an. Auch diese beiden Stunden vergehen sehr kurzweilig, doch es fühlt sich trotzdem später am Tag an, als es ist.

Der Gong begrüßt die zweite Pause. Ich verabschiede mich von meinem Tutorenkurs und verlasse den Klassenraum in Richtung Lehrerzimmer. Auf dem Weg nicke oder lächele ich Schülern zu und stoße auf eine Kollegin von mir, mit der ich mich auf dem Weg unterhalte.

Wieder auf meinem Platz im Lehrerzimmer esse ich mein Brötchen und quatsche mit meinen Freunden. Wir merken, wie wir alle geschafft sind. Vermutlich haben die drei auch nicht viel Schlaf gehabt. Ich habe gestern bis spät in die Nacht noch die eine Klassenarbeit der Neuner korrigiert, weil ich es ihnen versprochen habe und ich mag es nicht, meine Versprechen zu brechen. Aber heute Abend gehe ich definitiv früher schlafen. 

In der fünften Stunde habe ich meine neunte Klasse. Ich sage ein paar Worte zu meiner Einschätzung, was den meisten in der Arbeit schwer gefallen ist und schaue in viele angespannte Gesichter. Mit dem Rücken zur Klasse schreibe ich den Schnitt und die Notenverteilung an die Tafel. Auch mir gefällt der Anblick nicht. Es gibt viele Noten unter 3, aber zum Glück auch einige 2er und eine handvoll 1er.

Den Stapel Klassenarbeiten im Arm, gehe ich durch die Reihen und verteile die Arbeiten. Hier und da kann ich einen leisen Freudenschrei hören, andere atmen laut aus. Wieder an meinem Pult schaue ich in die Runde. Mein Blick schweift durch den Raum und bleibt an dem einen Kind hängen. Der Kopf ist gesengt und ich sehe, wie vereinzelt Tränen still ihren Weg über die Wange bis auf den Tisch finden. Es schüttelt den Kopf und wischt sich flüchtig mit den Händen über das Gesicht. 

Es macht mir das Herz schwer. Ich muss mich beim Korrigieren eben an bestimmte Maßstäbe halten, auch wenn ich wünschte, ich könnte Punkte schenken. Trotzdem. Ich will nicht, dass jemand in meinem Unterricht weint. Und das Gewissen, dass das Kind sich um eine Note sorgt, vielleicht auch wegen der Eltern, wer weiß das schon, macht mir Bauchschmerzen. Aber vermutlich versteht man erst nach der Schule so richtig, dass Noten nichts über einen aussagen und nicht so wichtig sind, wie man vielleicht denkt. Nachdem ich in der Stunde die Arbeit mit den Schülern besprochen habe, gehe ich, als die anderen den Saal verlassen, auf das Kind zu und sage ein paar beruhigende Worte. Es meidet meinen Blick aber nickt. 

Dann habe ich einen Grundkurs, in dem sieben Schüler sind. Ich nehme bei mindestens vier von ihnen an, dass sie mein Fach nicht abwählen konnten, weil sie nur gelangweilt umherschauen und nicht verstehen, wovon ich rede. Aber sie fragen auch nie nach. Naja. Doch es ist sehr ermüdend, diese zwei Stunden. Denn immer, wenn ich eine Frage stelle, erhalte ich verlegenes Schweigen. Deshalb habe ich manchmal keine andere Wahl, als irgendjemanden dranzunehmen, auch wenn mir das eigentlich missfällt. 

In der Mittagspause gehe ich hoch in die Mensa und esse dort warm zu Mittag. Endlich wieder Zeit, so richtig durchzuschnaufen. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich zum Nachmittagsunterricht losmuss. Ich mache noch einen kurzen Abstecher beim Kopierraum, um Arbeitsblätter auszudrucken und relativ motiviert gehe ich zum Saal und halte noch zwei Stunden Unterricht. Die Zeit zieht sich wie zäher Teig und nach langsam vergangenen anderthalb Stunden höre ich meinen Feierabend rufen. Geschafft laufe ich zu meinem Auto, lade meine Tasche in den Kofferraum und fahre los. Auf der Fahrt höre ich laut Musik, um den Kopf freizubekommen. 

Nach einer Viertelstunde komme ich zuhause an. Ich parke in der Einfahrt, schnappe mir meine Tasche und schließe die Tür auf. Meine Frau ist schon früher von der Arbeit zurück und begrüßt mich herzlich. Aufgeregte, junge Stimmen dringen zu uns herüber und ich grinse. Meine beiden Töchter kommen aus dem Wohnzimmer gerannt und ich hocke mich hin, um sie in die Arme zu nehmen. 

Ich mag Tage, an denen ich lange Schule habe, nicht so gerne, weil ich dann weniger Zeit mit meiner Familie, vor allem mit meinen Kindern, habe, die in vier Stunden schon wieder ins Bett müssen. Doch ich schiebe den Schulalltag vorerst zur Seite und spiele mit meinen kleinen Kindern. Die beiden geben mir immer wieder Motivation. 

Nach einer Stunde spielen mit meinen kleinen Prinzessinen, rieche ich einen köstlichen Duft, der aus der Küche kommt. Ich lasse meine Kinder kurz mit dem Puzzle alleine auf dem Wohnzimmerteppich und laufe in die Küche. Meine Frau steht am Herd und kocht. Ich gehe zu ihr und lege meine Arme von hinten um sie herum. Sie lächelt, während sie weiter im Topf rührt. Mein Gesicht in ihrem Hals vergraben, raune ich: ,,Morgen koche ich". 

Nachdem ich den Tisch gedeckt habe setze ich mich noch kurz an den Schreibtisch und plane die morgigen fünf Stunden Unterricht. Nach fünfzehn Minuten schmerzt mein Nacken und ich erhebe mich stöhnend. 

Wir essen zu viert zu Abend und meine Frau bringt die Kinder ins Bett, weil ich noch eine HÜ korrigieren muss. Mit allem fertig, schauen wir zu zweit noch eine Folge unserer Serie. 

Glücklich gehen wir um 22 Uhr ins Bett. Ich stelle meinen Wecker wieder auf 6 Uhr. Sie liest noch ein kurzes Kapitel und ich lese mir Nachrichten in der Lehrergruppe durch. Morgen habe ich Vertretung in einer siebten Klasse. Ach ja. 

Schule macht so ungefähr mein halbes Leben aus, und auch wenn es manchmal sehr anstrengend sein kann, weiß ich doch, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe, weil es mir einfach Spaß macht, mein Wissen weiterzugeben und mit Kindern zu arbeiten. Da nehme ich gerne Schlafmangel, hunderte Korrekturen und laute Kinder in Kauf. Denn ich weiß, dass dies meine Bestimmung ist und dass ich ein erfülltes Leben habe.

 

Letta


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