Lesezeit: 12 Minuten
Ich schließe meine Augen und atme langsam ein und aus. Dann öffne ich sie wieder, aber nur zur Hälfte. Ich habe so keine Lust auf heute, auf gar nichts. Am liebsten würde ich den ganzen Tag
im Bett verbringen und irgendetwas gucken. Aber nein, ich muss ja zur Schule.
Schlussendlich raffe ich mich doch auf, knülle die Decken nur so dahin und taumele in Richtung Kleiderschrank. Halbnackt stehend vor meinen Schranktüren schaue ich erschöpft über die vielen Stoffe. So viel Auswahl, aber zu viel. Nichts spricht mich wirklich an. Frustriert seufze ich und mein Blick fällt auf den Stuhl rechts neben mir. Dieser ist kaum noch zu sehen, durch den riesigen Berg an Klamotten, der ihn förmlich zu erdrücken scheint. Ich habe schon lange den Überblick verloren, welches Kleidungsstück noch frisch genug ist und welches in die Wäsche muss. Naja, egal. Lustlos greife ich nach einer Jeans ganz oben auf dem Stapel und halte diese an meine Nase, um zu riechen, ob ich sie nochmal anziehen kann. Joa, ist okay.
Im Endeffekt war ich nicht sehr kreativ mit meinem Outfit und meine Haare sahen auch schon mal besser aus, aber ich muss jetzt los. Ohne Frühstück gehe ich aus dem Haus in Richtung Bushaltestelle. Im Bus angekommen setze ich mich auf einen freien Platz und schließe die Augen. Im Halbschlaf bete ich, dass der Tag schnell herum geht.
Meine Mama ruft mich zum Essen. Ich trödele, möchte gerade lieber in meinem Zimmer bleiben, einfach nur meine Gedanken sortieren. Komm schon, denke ich mir. Es ist nur für zwanzig Minuten, danach kann ich mich wieder verkriechen und schlafen. Ich kann ja behaupten, dass ich noch Hausaufgaben zu machen habe.
Das Essen ist lecker, Mama hat mein Lieblingsessen gekocht und wir reden zusammen.
Ich befinde mich wieder in meinem Zimmer. Heute ist Haarwaschtag. Im Bad richte ich kurz alles zusammen und laufe zurück in mein Reich. Sorgfältig kreiere ich einen Stapel aus frischen Klamotten, die ich nach dem Duschen anziehen werde. Die Tür im Bad schließe ich ab. Jetzt stehe ich vor dem Badezimmerspiegel und ziehe eine Klamotte nach der anderen aus. Schließlich bin ich komplett nackt und betrachte mein Gegenüber im Spiegel. Mein Blick wandert über meine Haut, von der einen Stelle zur anderen. Gedanken und Zweifel schlagen in meinem Kopf Chaos. Innerlich sehe ich so viele andere Körper. Körper, die an meinen schwachen Stellen optimiert sind. Ich weiß, man soll sich akzeptieren und sich nicht mit anderen vergleichen und ich weiß, dass ich schön bin, aber ich kann es nicht lassen. Meine Augenbrauen ziehen sich zusammen. Mein Kopf zieht Linien an meinen Körper, die dort nicht sind. Linien, die mich schlanker machen, Linien die mehr Muskelkonturen zeichnen. Ach wäre doch meine Brust…, meine Hüfte…, meine Schultern..., mein Bauch...
Das Wasser ist inzwischen warm. Ich verbinde mein Handy flüchtig mit der Musikbox und spiele meine Lieblingsplaylist ab. Während ich mich wasche, singe ich kräftig mit. Ich liebe es, wie meine Stimme an den Duschwänden widerhallt. Mit geschlossenen Augen und rufender Kehle, verflüchtigen allmählich meine Zweifel und Gedanken.
Es ist spät. Die Decke deckt mich bis unter die Achseln ein. Auf dem rechten Ellenbogen auf der Matratze eingestützt, starre ich in mein halbdunkles Zimmer. Ich fixiere keinen bestimmten Punkt, starre einfach nur so dahin. Ich merke, wie sich ganz langsam ein Kloß in meinem Hals bildet. Kopfschüttelnd versuche ich, ihn zu verscheuchen. Ach, diese verdammten Emotionen! Lasst mich doch alle in Frieden. Ich wende mich und liege nun auf dem Bauch. Nehme mit beiden Händen das Kissen etwas hoch, drücke mein Gesicht in die weichen Federn und schreie. Zu Hören ist nur ein hoher, leiser Laut. Der Rest wurde abgedämpft.
Ich gebe auf, lasse mich fallen. Inzwischen liege ich wieder auf der Seite. Lausche dem Knistern, das andeutet, dass mein Kopf immer mehr in das Kissen sinkt. Unter meiner Wange ist es nun schon sehr feucht. Etliche Tränen kullern mir das Gesicht hinunter und befeuchten den Stoff. Warum ich weine? Ich kann es gar nicht genau sagen, es ist zu viel, zu lang, zu groß.
Es ist der dritte Tag in Folge, dass ich abends weine. Es passiert einfach, egal, wie fest ich mich kneife oder die Zähne zusammenbeiße. Aber es tut gut. Oh ja, es tut so unendlich gut, einfach loszulassen, zu treiben in meinem stillen Gewässer.
Zuhause lebe ich meinen Alltag. Nichts ist neu, alles gewohnt. Mit meinen Eltern komme ich eigentlich echt super zurecht. Ich habe sie wirklich lieb und bin dankbar, dass sie sich in so vielen Fällen so korrekt verhalten.
Mein Papa fragt mich etwas und ich gebe eine bissige Antwort. Er gibt einen genervten Ton von sich. Ich verlasse den Raum. Da war plötzlich so eine Wut in mir. Einfach so. Aus dem nichts. Ich musste mich so zügeln, meinen Vater nicht komplett anzuschnauzen. Argh, und dann noch dieser genervte Blick, der mir direkt ein schlechtes Gewissen einpfuschen soll. Aber das habe ich nicht, ich bin nur zornig, genervt. Ich weiß, dass ich mich später entschuldigen muss, aber ich habe echt keine Lust, dass das dann wieder in einem ganzstündigen Gespräch endet. Das halte ich heute nicht nochmal aus, dieses ganze Erziehungsberechtigten-Rolle-Ding. Jetzt gehe ich erst einmal an die frische Luft, ziehe meine Kopfhörer an und telefoniere mit meinem besten Freund, während ich durch die Straßen laufe.
Und garantiert, wenn ich meinem Vater sage, dass es einfach so hochkam, dass es eine verdammte Stimmungsschwankung wegen der Pubertät war, dann sagt er bestimmt wieder, dass das nur eine Ausrede ist und dass ich meinen Ton ja kontrollieren kann. Wenn er wüsste…
Mein Gesicht küsst den Spiegel fast. Die Augen nehmen jede Facette genau auf. Wieder ein neuer Pickel…, nein zwei neue! Verdammt, das darf doch echt nicht war sein! Beleidigt starre ich auf die beiden roten Punkte. Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht schon genug Unebenheiten und Pickel im Gesicht. Und andere haben so reine Haut. Das ist doch nicht fair. Sie wollen einfach nicht weggehen, dabei habe ich schon soo viel ausprobiert. Mein Badschränkchen ist voll von Cremes und Masken.
Meine Hand öffnet die Schublade und füllt sich mit den verschiedensten Produkten. Gewaschen habe ich mein Gesicht schon und ich binde meine Haare nach hinten. Und wieder führe ich meine alltägliche Routine durch. Verstecke die Unreinheiten mit hautgleicher Farbe, lasse meine Gesichtkonturen hervorheben und verbessere meine Wimpern. Danach betrachte ich mein Ergebnis im Spiegel. Na also, schon viel besser. Aber ohne würde ich mich auch nicht so schnell aus dem Haus trauen, jetzt bin ich wieder selbstbewusst und fühle mich schön.
Ich stehe neben meinen Freunden. Wir reden und lachen viel. Alles, was ich fühle, ist pure Glücklichkeit. Wie gerne ich mit ihnen abhänge. Manchmal habe ich wahrhaftig den Eindruck, dass sie die einzigen Menschen sind, die mich wirklich verstehen und mir zuhören. Jede Minute mit ihnen ist Salbe für meine Seele. Wir machen gegenseitig Witze, chatten täglich und lachen, lästern und chillen zusammen und es wird einfach nie komisch oder langweilig.
Mein Freundeskreis hat sich in letzter Zeit sehr erweitert und ich bin verdammt froh drum. Es ist toll, zu wissen, dass man so herzliche Menschen an seiner Seite hat, die zu einem stehen. Auch wenn ich manchmal zweifle, ob ich ein paar von ihnen wirklich vertrauen kann. Durch die verschiedenen Gerüchte und Quellen, aber auch durch manche Aussagen von ihrer Seite aus, muss ich oft erneut abwägen. Aber es ist mir egal. Ich möchte meine eigene Sicht der Dinge behalten, mir ein eigenes Bild von ihnen machen, ohne dass mich andere dazu bringen, etwas über sie zu denken, das vielleicht gar nicht stimmt.
Ich weiß, dass ich sie mag und gerne mit allen von ihnen Zeit verbringe. Und klar, gibt es Dinge, die vielleicht an mir vorbeigehen, aber das ist in Ordnung so. Ich habe sie lieb und sie geben mir Kraft und ich bin für sie da.
Die tiefen Bässe dringen in übernatürlicher Lautstärke an meine Ohren. Das Licht ist bunt und wechselt ständig. In meiner Hand befindet sich ein Getränk. Was war es noch gleich? Keine Ahnung. Egal, etwas Starkes eben. Ich bin umringt von anderen Menschen. Es ist sehr warm hier. Mein gesamter Körper wippt unkontrolliert zu den taktischen Bässen, die aus den großen Boxen kommen. Meine Lider sind schwach, mein Blick unkontrolliert. Wie viel ich wohl schon getrunken habe? Ich weiß so vieles nicht. Wie lange ich hier schon bin, wo ich bin, mit wem ich hier bin… Naja, wird schon passen. Ein Grinsen sitzt in meinem Gesicht, ich zeige meine Zähne. Es tut gut. Auf irgendeine Weise. Bekannte Melodien dringen zu mir und ich wiederhole sie. Ein Piepsen klingt in meinem Ohr. Einzelne Linien in meinem Blickfeld verschwimmen. Ich spüre alles und doch so wenig. Es ist, als wäre ich auf einer Achterbahn mit Regenbogen und Bier.
Am nächsten Morgen wache ich mit Kopfschmerzen auf. Ich liege quer in meinem Bett und bin noch angezogen. Oh nein.
Wachstumsschmerzen, Unreinheiten, Stimmungsschwankungen, Emotionen und vieles weitere sind unsere täglichen Begleiter. Wie sieht wohl unser Leben nach diesen Jahren aus?
Letta
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anonym (Freitag, 06 Februar 2026 15:02)
Ein sehr starker Artikel, der Seiten von Teenagern zeigt, die die meisten Erwachsenen gar nicht mehr kenneb oder verdrängt haben und in denen sich viele Jugendliche wiederfinden. Danke für diese Eindrücke!
Ein Mädchen aus der Schülerzeitung (Dienstag, 17 Februar 2026 19:37)
Ich hab so was ähnlichen auch.Ich kann das verstehen.Wie toll wäre es nur wenn keiner mehr Depressionen,Unsicherheit,usw. hat.