Lesezeit: 18 Minuten;
Ding-Dong, der Schulgong ertönte. Endlich, Schule aus. Sechs ganze Stunden musste Moritz in der seiner Meinung nach weltlich gewordenen Hölle sitzen und dabei zugrunde gehen.
Schulrucksack auf dem Rücken, die Treppe runter, über den Pausenhof und ab in den verstopften Bus.
Drei Haltestellen, zwei, eine, seine. Die Tür ging auf, Luft drang in den Bus. Endlich wieder atmen.
Den Rest des Weges legte Moritz eher im Rennen als im Gehen zurück. Vorbei an der Tankstelle, dem Park und dem kleinen Fluss, der sich durch die ganze Stadt schlängelte.
Das Haus seiner Eltern war klein, zusammengequetscht zwischen zwei großen grauen Stadthäusern. Zwischen ihnen wirkte Moritz´ Haus wie ein ungewollter Farbklecks auf einem grauen Blatt Papier.
In einem solchen Haus hätte eine alte Hexe leben können.
In gewisser Weise war das ja auch so, denn seine Mutter hatte ein ausgelebtes Faible für Kräuter. In der Küche, im Bad, im Flur, überall Kräuter verschiedenster Arten.
Der Vorteil: Die Wohnung duftete nie nach etwas Unangenehmen. Der Nachteil: Es war nie ganz sauber.
Genau ein solcher Kräuter-Mischmasch an Geruchseindrücken begegnete Moritz, als er die Haustür öffnete. Egal.
Treppe hoch, Jacke ausgezogen und ab in den riesigen Ohrensessel in seinem Zimmer, der ehemals seiner Großmutter gehört hatte. Statt Hausaufgaben oder Schulsachen nahm sich Moritz die neuste Ausgabe von Der kleine Prinz und fing an zu lesen und las und las und las. Nach drei Stunden war er mit Der kleine Prinz fertig geworden und nahm sich ein Buch über die Tierwelt in Afrika, das ihm sein Großvater zu Weihnachten geschenkt hatte.
Normalerweise las Moritz nie solche Bücher, aber wenn ihm der Lesestoff ausging, nahm er sie zur Not auch.
Am nächsten Morgen fanden ihn seine Eltern zusammengesunken und schlafend immer noch im Ohrensessel. Moritz hatte an diesem Tag weder Hausaufgaben noch etwas anderes gemacht. Demnach war auch der anschließende Schultag für ihn wenig amüsant. In der ersten Stunde bekam er von seinem Deutschlehrer einen Tadel, weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. In der zweiten Stunde ebenfalls. Ab der dritten Stunde schlief er die Hälfte der Unterrichtszeit, was natürlich bei den Lehrkräften nicht gut ankam. Frau Hillinger, Moritz Lieblings- und Klassenlehrerin fragte ihn sogar in der vierten Stunde, ob bei ihm Zuhause alles gut wäre.
Die Pause war das schlimmste für Moritz. Schon in der Grundschule wurde Moritz
von seinen Klassenkameraden gemobbt. Von seinem Kopf, der in der Schultoilette steckte bis zu zahlreichen zerrissenen Heften. Alles hatte er schon miterlebt.
Diese Pause wurde er seines Schulbrotes beraubt und wild durch die Gegend geschubst. Nie kam ihm jemand zur Hilfe.
Nachts, wenn Moritz träumte, war er in seiner Welt. Einer Welt voller Fantasie. Dort war Moritz nicht das Opfer wie an jenem Tag.
Manchmal stellte sich Moritz vor, dass Egalon, der Drache aus seinen Träumen, sein Drache, ihm an solchen Tagen zu Hilfe eilen würde. Aber in der harten Realität kam nicht einmal eine Lehrkraft,
um ihm in seiner misslichen Lage zu helfen.
Nachdem er auch die restlichen Stunden des Schultages halb verschlafen habe, begann das Prozedere von Neuem.
Schulrucksack auf dem Rücken, die Treppe runter, über den Pausenhof und ab in den verstopften Bus.
Drei Haltestellen, zwei, eine, seine. Die Tür ging auf, Luft drang in den Bus. Endlich wieder atmen.
Täglich ging das mittlerweile so. Das einzige Ziel von Moritz’ Tagesablauf war, wieder lesen zu können. Wieder in die magischen Welten eintauchen zu können, in denen Moritz entscheiden konnte, ob sie ihn erfreuen oder schmerzen sollten. In diesen Welten hatte er die Macht, war er der Held.
Als Moritz zuhause ankam stutzte er. Was lag da auf der Türschwelle seines Hauses? Ein Paket, dabei klingelte der Postbote doch normalerweise und wartete bis Moritz’ Mutter sich aus ihrem Künstler-Atelier im Keller zur Tür begeben hatte. Sonderbar.
Moritz hob das Paket auf. Es war mit einer purpurnen Papierschicht umwickelt. Vielleicht ein Geschenk, dachte Moritz, aber da fiel sein Blick auf einen kleinen Schriftzug, der in der rechten Ecke des Pakets stand.
Für Moritz!
Dein Egalon
Was hatte das zu bedeuten? Woher wusste Egalon, wo Moritz wohnte, er war doch nur ein Traum. Genug mit dem Philosophieren. Ein Paket von seinem besten Freund, dem Drachen Egalon. Das musste wichtig sein. Moritz riss die Haustür auf und rannte die Treppe zu seinem Zimmer hoch.
Wie konnte das sein? Ein Paket von Egalon!
Er öffnete seine Tür und wollte sie schon zuschlagen, als ihm einfiel, das dann bestimmt seine Mutter aus ihrem Atelier zu ihm hochkommen würde und sich lautstark über sein unsittliches Verhalten beschweren würde. Meist war auch das der Zeitpunkt, an dem ihr einfiel, das ja er gerne die Wäsche machen musste oder die Spülmaschine ausräumen sollte und das konnte Moritz jetzt wirklich nicht gebrauchen.
Leise schloß er die Tür hinter sich. Er legte das Paket auf seinen Teppich und stellte seinen Schulrucksack ab.
Dann kniete er sich zu dem sonderbaren Paket auf dem Boden. Seine Finger zerissen mit akribischer Vorsicht das Papier und legte ein Buch zu Tage.
Es hatte einen alten blassgrünen Ledereinband mit zahlreichen Verzierungen. Ein solches Buch würde man nicht in einer einfachen Buchhandlung finden, sondern nur in einem Antiquitätenladen.
Dort würde es wahrscheinlich mehr kosten, als Moritz je besessen hatte. Ehrfürchtig hob er das Buch hoch und schlug es auf.
Die erste Seite - leer, genauso wie die zweite. Eilig blätterte Mortitz das Buch durch. Es war komplett leer.
Was hatte das zu bedeuten, ein leeres Buch?
Niedergeschlagen legte Moritz das Buch auf seinen Schreibtisch. Sein Blick fiel auf die dort liegenden Hausaufgaben.
Heute sagte ihm das Tierbuch seines Großvaters nicht zu, also warum nicht sich einmal für die Schule anstrengen?
Nachdem er sich mindestens eine Stunde lang durch seine Mathe-Hausaufgaben gequält hatte, ohne etwas zu verstehen, legte sich Moritz in sein Bett. Zeit wieder in seine eigene Welt einzutauchen.
Moritz erwachte in einer bildschönen Landschaft voller hoher Berge. Die Gipfel dieser waren mit puderzuckerartigen Schneeglasuren bedeckt, während die Täler von saftigem grünen Gras lebten. Zwischen die Wiesen quetschten sich kleine Ansammlungen von hohen Fichten. Moritz lag auf einem großen grasbedeckten Felsvorsprung. Er erhob sich und sah in den Horizont. Ganz weit in der Ferne am Himmel sah er einen kleinen schwarzen Punkt. Lächelnd und wissend zu welchem Wesen dieser schwarze Punkt gehörte, ließ sich Moritz ins weiche Gras fallen. Seine schillernde Rüstung klapperte dabei leicht.
Der schwarze Punkt aus dem Horizont hatte in Zwischenzeit an Größe gewonnen und Späher mit scharfen Augen würden schon die Form eines Drachens erahnen können.
Wenig später konnte auch jeder Andere erkennen, was für eine Pracht an Drache langsam zum Landeanflug auf den Felsvorsprung ansetzte. Die Erde vibrierte, als der Drache Egalon vor Moritz auf dem Felsvorsprung aufsetzte.
„Na, Egalon, wen müssen wir heute retten?", fragte Moritz. Die dunkle vibrierende Stimme des Drachens antwortete: „Niemanden, wir müssen viel eher reden".
Das war seltsam. Normalerweise würde Moritz jetzt auf Egalons Rücken steigen und mit ihm zu einem Schauplatz des mittelalterlichen Verbrechens fliegen, um
dann als Retter den Menschen dort zu helfen. Schon viele Dörfer, Könige und Völker hatten den beiden Helden ihren Dank erbracht. Fast in der ganzen Traumwelt waren Moritz und Egalon berühmt und
willkommen.
„Kein Abenteuer heute? Was dann, Egalon? Du verwirrst mich."
Unsicher kratzte sich Moritz am Kopf.
„Sehr wohl ein Abenteuer. Sag mir, Moritz, was hast du gestern erhalten? Es war ein Geschenk, nicht wahr?"
Da fiel es Moritz wie Schuppen von den dunklen blauen Augen. „Du hast wirklich dieses Buch zu mir geschickt. Aber warum ist es leer und wie ist es in meine Welt gekommen?"
„Du weißt, dass wir Drachen mächtige Wesen sind, oder, Moritz? Wir sehen und können Dinge, die für viele Wesen unvorstellbar sind. Hier, in dieser Welt, bist du ein Held, Moritz, und hast viele
Menschen hier gerettet und glücklich gemacht, aber was ist mit der Welt, aus der du eigentlich kommst? Bist du dort auch ein Held? Denk mal darüber nach ... Du wirst nicht ewig in meiner Welt
Menschen retten können."
Das Bild von dem großen Drachenkopf, der zu Moritz gesprochen hatte, löste sich vor Moritz‘ Augen in schwarzen Nebel auf.
„... und ... schreib ... mir", waren die letzten, fast schon gehauchten, Worte von Egalons Stimme, die Moritz‘ Welt erreichten.
Moritz schreckte aus dem Schlaf auf. Verwirrt fasste er sich an den Kopf. Noch nie hatte er vorher einen solchen Traum gehabt. Der Traum hatte so echt gewirkt, als wäre Egalon wirklich vor ihm gestanden. Nicht, dass seine vorherigen Träume nicht auch in gewisser Weise ihre Echtheit vorgetäuscht hätten. Aber schon nach dem dritten Sieg über die Räuber, Jäger oder feindlichen Armeen war Moritz klar gewesen, dass es sich bei seinen nächtlichen Ausflügen wohl eher um sein Wunschdenken über sich handelte als über die Realität.
Trotzdem waren seine Rettungsmissionen mit Egalon zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden. Ein Bestandteil, aus dem er Kraft schöpfte, sodass er sein Leben in der Schule und darüber hinaus überstehen konnte. War das hier der letzte Traum gewesen? Die letzte Kraft, die sein Gehirn aufbrachte, um sich vor der Erkenntnis über sich selbst zu schützen?
Klein aber nicht unbemerkt bildeten sich Tropfen an seinen Augen. Weinte er gerade?
Nein, trotzig wischte er sich mit seinem Ärmel über das Gesicht. Weinen war etwas für Schwächlinge und nicht für einen Helden wie ihn. Aber war er denn überhaupt ein Held, hier in der vermeintlich echten Welt? War er nicht dieser Schwächling, dem er das Weinen zuschrieb? War er nicht in diese Traumwelt und die Bücher geflüchtet, damit er nicht mehr an sein reales Leben denken musste? War er nicht ...
Verzweiflung griff nach Moritz, wie ein dunkler Schatten schlängelte sie sich durch seine Bettdecke und zog sich um seinen Hals. Sie schlängelte sich schlangenartig und unaufhaltsam tiefer, in seine Lunge sein Herz. Ihm wurde so eng, sein Atem wurde schwerer.
War das sein Ende?, fragte er sich, während der kalte Schweiß der Angst sich mit seinen nun unaufthaltsam strömenden Tränen vermischten.
Moritz begriff, er war der Schwächling, der Niemand, das Unterste, der sich nicht traute, seinen Mobbern etwas entgegenzusetzten, der sich nicht einmal traute, mit seinen Eltern über seine Misere zu sprechen. Keine Freunde hatte, weil er nicht den Mumm hatte, damals mit Menschen zu sprechen, die ihn gefragt hatten, ob er nicht bei ihnen in der Pause stehen wollte. Selbst Schuld, wenn sich nichts ändert. Selbst Schuld, wenn du nichts änderst.
Dabei konnte er doch das alles. Er konnte stark sein, Armeen besiegen und ganze Völker vor dem Untergang retten. Nur halt nicht in der echten Welt und nur durch seinen Helfer Egalon ...
Moritz Glieder wurden schwerer. Es war nicht so, als würde eine Welt zusammenstürzen. Es stürzte eine Welt zusammen, seine Welt.
„Schreib ... mir."
Als hätte eine Bombe in ein schon zerstörtes verbranntes Land eingeschlagen, entfachte dieser plötzliche Nachhall seinens Traumes Moritz. „Schreib mir". Egalon war nicht fort, nur die Welt, in der Moritz ihn sehen konnte. Die Welt, die er mit seinen eigenen Gedanken erschaffen hatte. Egalon hatte Recht, und wie recht er hatte. Die Kälte in Moritz Körper wurde schlagartig durch die Flammen verschluckt. Egalon hatte ihm schon die ganze Zeit die Lösung offenbart gehabt. „Schreib mir."
Die Tränen verdampften förmlich auf seinem Gesicht. Er schlug die Bettdecke zurück und eilte zu dem Geschenk, dem geheimnisvollen Buch, das er am Vortag erhalten hatte.
Wenn Egalon nur durch seine Gedanken erschaffen wurde, dann war er ja nicht einfach weg, sondern noch in seinem Kopf.
Aber wie konnte es sein, dass der Drache ihm ein Paket geschickt hatte? Er kniete sich auf den Teppich. Die Reste des Paketes, das er aus seiner Gespanntheit zerissen hatte, lagen noch immer auf dem Boden.
Moritz kramte mit seinen Händen nach dem Stück Pappe, auf dem der geheimnisvolle Adressat gestanden hatte. Er fand sie. Moritz rieb sich die Augen. Er las erst einmal, dann nochmal. Da stand nicht Egalon.
Für Moritz!
Dein Egon
Egon war Moritz‘ Onkel. Er war der Teil der Familie, der Moritz verstand. Leider wohnte er mehrere hunderte Kilometer von hier weg, sodass Egon nur selten ein Teil von Moritz‘ Leben sein konnte. Und doch erinnerte sich Moritz an seine Zeit in der Grundschule. Da war Egon mal für eine Woche zu Besuch gekommen und hatte Moritz‘ Herz für sich gewonnen, indem er ihm am laufenden Band Bücher vorgelesen hatte. Der letzte Besuch von Egon war vor circa zwei Jahren gewesen, kurz nachdem das Mobbing bei Moritz angefangen hatte. Kurz nachdem seine Träume begonnen hatten.
Nun war für Moritz alles klar, er klappte das leere Buch auf und klaubte sich einen Stift von seinem Schreibtisch.
Hey Egalon,
ich weiß, dass ich nicht mehr von dir träumen werde, aber ich möchte dir danken für all das, was du mir gegeben hast. Ohne dich wäre ich kein Held gewesen und hast Recht. Es wird Zeit, sich in meiner Welt um die Probleme zu kümmern. Ich werde dich immer mal wieder updaten, wie es mir geht und was ich schon geschafft habe.
Dein Moritz
Seit diesem Tag an wurde Moritz Leben besser. Er hatte keine Angst mehr, jeden Tag in die Schule zu gehen, denn er hatte sich sowohl seinen Eltern als auch Frau Hillinger anvertraut. Seine Mobber hatten alle einen Schulverweis bekommen und er hatte es geschafft, in den Pausen nicht mehr allein in einer Ecke zu stehen und zu hoffen, dass niemand ihn bemerken würde. Nein, mittlerweile stand er zusammen mit seinen vier neuen Freunden dort und unterhielt sich angeregt über die neusten Kapitel und Bücher, die er gelesen hatte.
Denn die Welt der Bücher blieb für jeden Zeitpunkt seines Lebens Moritz‘ Lieblingsort.
Lasse
Das könnte dich auch interessieren:
Kommentar schreiben