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Jeder von uns kennt den Tag der Zeugnisausgabe, dem am Ende jeden Halbjahres entgegengefiebert wird - oder auch nicht, denn die meisten Noten sind eigentlich im Voraus schon bekannt. Oder doch nicht?
Denn bei allen Zeugnissen der Unter- und Mittelstufe erscheinen zusätzlich zu den Noten in den Fächern, die man tagtäglich hat, zwei zusätzliche Noten, die man im Vorfeld nicht kennt.
Es sind Noten, die man kaum beeinflussen kann, die vorher nicht mit der betroffenen Person besprochen werden und die man zwei Tage nach der Zeugnisausgabe auch oft schon wieder vergessen hat.
Natürlich geht es mir hier um Verhaltens- und Mitarbeitsnoten. Da ich nun in der Oberstufe bin, tauchen diese Noten nicht mehr auf meinem Zeugnis auf, trotzdem möchte ich heute der Frage auf den Grund gehen, woher diese Noten kommen und wie sie festgelegt werden.
Fangen wir einmal mit den Mitarbeitsnoten an. Im Grunde genommen kann man den Ursprung dieser Noten gut nachvollziehen, sie sollten einfach die Bilanz aus allen EPO-Noten, beziehungsweise mündlichen Noten, in allen Fächern sein. Deshalb ist grundsätzlich eigentlich auch nichts dagegen einzuwenden, die mündliche Leistung nochmal gesondert auf dem Zeugnis anzugeben, außer man kritisiert das System von mündlichen Noten von Grund auf, was jedoch ein anderes Thema ist, um das es hier nicht gehen soll.
Ich habe mir jedoch die Frage gestellt: Ist eine gesonderte Mitarbeitsnote auf dem Zeugnis nicht irgendwie unnötig?
In jedem Fach (außer vielleicht Sport) gibt es mündliche Noten, die am Ende in die Zeugnisnote mit einfließen. Wer sich mündlich viel anstrengt, und auf einer eins stehen würde, aber dann aufgrund schlechterer schriftlicher Noten im Zeugnis eine drei bekommt, und ähnliches in mehreren Fächern vorkommt, freut man sich bestimmt über die eins in der Mitarbeit. In dem Fall ergeben Mitarbeitsnoten vielleicht sogar Sinn, sie zeigen, dass mündliche Beteiligung auch vom Fach abgegrenzt von Wert sein kann und fungieren noch einmal als Anerkennung für eine gute Mitarbeit.
Doch jetzt mal ehrlich: Für wie viele Schüler:innen ist das oben beschriebene Beispiel Realität?
Meistens spiegeln sowohl Mitarbeits- als auch Verhaltensnoten den ungefähren Notenspiegel wider. Was ja auch Sinn ergibt, da besonders in den Nebenfächern die mündliche Leistung extrem viel für die schlussendliche Zeugnisnote zählt. Dementsprechend glaube ich nicht, dass die Mitarbeitsnote besonders vielen den Schnitt hochzieht, vor allem, da sie für eine Versetzung nicht relevant sind. [Q2]
Außerdem könnte man argumentieren, dass, wenn es nochmal eine gesonderte Mitarbeitsnote am Ende des Halbjahres gibt, es dann rein logisch gesehen auch eine extra schriftliche Note geben sollte. Eine Gegenposition hierzu wäre vermutlich: Nein, weil man schriftlich in jedem Fach anders abschneidet, während die mündliche Beteiligung meistens ähnlich ist.
Aber zeigt das nicht nochmal, wie seltsam das ganze Konzept ist? Reicht es nicht, wenn man sich als mündlich schwache:r Schüler:in mithilfe von schriftlichen Noten so weit hocharbeitet, dass die mündliche Leistung insgesamt dann am Ende des Jahres nicht nochmal den ganzen Schnitt runterzieht? Man bekommt ja auch keine besondere Anerkennung für tolle schriftliche Arbeiten in jedem Fach, die durch die mündlichen Noten massiv runtergezogen werden und die deshalb auf dem Zeugnis nicht erscheinen.
Ich habe mich ohnehin gefragt, wer, beziehungsweise wie, diese zwei Noten festgelegt werden. Vor allem beim Verhalten. Bei der Mitarbeit könnte man ja zumindest noch alle EPO-Noten des Halbjahres verrechnen, aber Verhaltensnoten gibt es außerhalb der Zeugnisse ja gar nicht. Deshalb habe ich etwas Recherche betrieben und möchte nun meine Ergebnisse mit euch teilen.
Verhaltens- und Mitarbeitsnoten fallen unter die Kategorie der sogenannten "Kopfnoten", die dadurch definiert werden, dass sie etwas anderes als die Leistungen eine:s:r Schüler:in in einem bestimmten Fach bewerten. Laut Wikipedia werden "die Kopfnoten [...] im Allgemeinen vom jeweiligen Klassenlehrer auf Basis der Einschätzungen der Fachlehrer erstellt oder aber in der Zeugniskonferenz beschlossen." Bei unserer Schule ist es so geregelt, dass alle Lehrkräfte Vorschläge zu den Kopfnoten machen und anschließend die Bilanz daraus gezogen wird. Steht ein:e Schüler:in zwischen zwei Noten, wird noch einmal in der Zeugniskonferenz darüber geredet, wobei auch oft der:die Klassenlehrer:in das letzte Wort hat. Allerdings kann ich mir auch kaum vorstellen, dass bei so vielen Schüler:innen jeder Note die Aufmerksamkeit geschenkt wird, die wir vielleicht verdienen.
Interessant zu lernen war für mich auch, dass diese Noten in vielen Bundesländern in den 1960er und 1970er Jahren abgeschafft wurden, die einzigen, wo sie noch existieren, sind neben Rheinland-Pfalz nur das Saarland und Baden-Württemberg, wie auch Hessen und Niedersachsen, wobei sie in letzteren beiden "Arbeitsverhalten" und Sozialverhalten" heißen. In Bayern (zumindest in der Grundschule) und Mecklenburg-Vorpommern wurden sie seit der Abschaffung auch wieder eingeführt. Das beweist für mich zumindest, dass ich mit meiner Einschätzung, dass diese Noten irgendwie unnötig sind, nicht alleine liege.
Jetzt möchte ich mich allerdings von den Mitarbeitsnoten abwenden, um mich den Verhaltensnoten zu widmen, die für mich noch undurchsichtiger sind. Wie definieren diese sich überhaupt? Mündliche Noten im Unterricht hängen von der Quantität und Qualität der Beiträge, aber meist auch von der allgemeinen Arbeitshaltung ab. Das Verhalten sollte in mündliche Noten, beziehungsweise Epochalnoten, zwar nicht mit einfließen, tut dies aber bis zu einem gewissen Grad dennoch. Außerdem werden Schüler:innen mit der Note "unbefriedigend" in Verhalten in der Regel vermutlich auch so keinen sonderlich guten Schnitt erzielen können, da ein andauernd störendes Verhalten wahrscheinlich auch die Person selbst vom Lernen abhält.
Aber im Zeugnis taucht es nochmal extra auf und anders als bei der Mitarbeitsnote hat man hier wirklich kaum Einfluss darauf, wie man denn so eigenschätzt wird.
Laut folgender Tabelle, die allerdings nicht offiziell ist und nur Richtwerte angeben soll, beschreibt ein "unbefriedigend" in Verhalten ein aktives Stören des Unterrichts, "befriedigend" eine:n in geringem Maße auffällige:n Schüler:in, "gut" eine:n unauffällige:n Schüler:in und "sehr gut" eine besonders zuvorkommende Art gegenüber Mitschüler:innen und Lehrkräften. Wobei ich der Meinung bin, dass der Punkt "positiver Einfluss auf die Klasse" hier auch sehr vom Umfeld innerhalb einer Klassengemeinschaft abhängt und nicht unbedingt einer einzelnen Person angehängt werden sollte.
https://ebg.schule/images/downloads/noten_verhalten-und-mitarbeit.pdf (20.3.2026)
Ich muss hier auch durchaus zugeben, dass eine Verhaltensnote wahrscheinlich schon dann einen Sinn hat, wenn ein:e Schüler:in wirklich ein störendes Verhalten an den Tag legt und die Lehrkräfte die Eltern darüber in Kenntnis setzen wollen, da sich dieses womöglich nicht so offensichtlich in den restlichen Noten widerspiegelt.
Insbesondere, da ich bei weiterer Recherche in der Schulordnung für die öffentlichen Realschulen plus, Integrierten Gesamtschulen, Gymnasien, Kollegs und Abendgymnasien (Übergreifende Schulordnung) vom 12. Juni 2009, § 62 auf folgende Regelungen gestoßen bin:
Bewertung von Mitarbeit und Verhalten:
(1) Die Bewertung der Mitarbeit bezieht sich vor allem auf die Arbeitsbereitschaft und das Bemühen der Schülerin oder des Schülers, die sich in Sachbeiträgen zu den selbstständig oder gemeinsam mit anderen zu lösenden Aufgaben äußern. Bei der Bewertung des Verhaltens sind die Rechte und Pflichten der Schülerin oder des Schülers zu berücksichtigen. Die Bewertung bezieht auch das Verhalten in der Gruppe mit ein.
(2) Mitarbeit und Verhalten werden aufgrund der Vorschläge der einzelnen Lehrkräfte durch die Klassenkonferenz unter Vorsitz der Schulleiterin oder des Schulleiters oder der Vertreterin oder des Vertreters bewertet.
(3) Die Bewertung erfolgt mit:
„sehr gut", wenn die Mitarbeit oder das Verhalten der Schülerin oder des Schülers besondere Anerkennung verdient,
„gut", wenn die Mitarbeit oder das Verhalten der Schülerin oder des Schülers den an sie oder an ihn zu stellenden Erwartungen entspricht,
„befriedigend", wenn die Erwartungen im Ganzen ohne wesentliche Einschränkungen erfüllt werden,
„unbefriedigend", wenn die Mitarbeit oder das Verhalten der Schülerin oder des Schülers nicht den Erwartungen entspricht.
(4) Die Bewertung „unbefriedigend" ist im Zeugnis zu begründen.
Besonders den letzten Punkt finde ich hier sehr wichtig, da eine Begründung von Noten meiner Meinung nach immer wichtig ist, um sowohl dem:der betroffenen Schüler:in als auch den Eltern klarzumachen, woher diese Einschätzung kommt, wobei ich finde, dass eine solche Begründung auch bei den anderen Notenstufen nicht schaden könnte. Dabei muss ich aber natürlich auch einräumen, dass eine solche Begründung, vor allem, wenn sie weiterbringend sein soll, auch Zeit beansprucht und da diese Noten bei der Zeugniskonferenz festgelegt werden, diese vermutlich kaum besteht. Bei unserer Schule ist es außerdem so, dass die Note “unbefriedigend” im Verhalten nur dann vergeben werden kann, wenn bereits Einträge oder Tadel vorliegen.
Trotzdem frage ich mich, ob so eine Note, sei sie nun mit Erklärung oder ohne, wirklich so viel bringt. Es gibt doch sogar extra blaue Briefe epochal, oder, wenn es dafür noch nicht reicht, besteht immer die Möglichkeit eines Elterngesprächs. Klar haben auf letzteres weder Eltern noch Lehrkräfte und ganz besonders das betroffene Kind oft keine Lust, aber es ist noch immer eine sehr viel pädagogischere und wahrscheinlich auch hilfreichere Lösung als eine Begründung auf einem Stück Papier.
Interessant ist außerdem, dass plötzlich das komplette System von einer Notenskala von eins bis sechs ausgehebelt wurde, es gibt nur für diese zwei Noten eine neue Note, genannt "unbefriedigend", die alle Notenstufen von vier bis sechs zusammenfasst. Während ich dies nicht mal so unlogisch finde, kann ich trotzdem nicht umhin, mich zu fragen: Warum?
Zuletzt möchte ich auch noch einmal darauf eingehen, dass ich zwar verstehe, dass man Schüler:innen mitteilen will, wenn ihr Verhalten nicht akzeptabel ist, aber in die andere Richtung? Warum ist es relevant, ob ich jetzt die extrovertierte Person bin, die sich direkt freiwillig meldet, die Tafel zu wischen oder die introvertieretere, die hier ist um etwas zu lernen und ihren Klassenkameraden gern den Vortritt lässt, wenn es darum geht, der Lehrkaft eine Schere zu leihen? Zwar spielen diese Noten im Zeugnisschnitt keine Rolle, aber dennoch denke ich, dass wir, wenn wir schon immer davon reden, alle Arten von Menschen zu akzeptieren, die stilleren wie die lauteren, dies auch in unserer Bewertung von deren Charakter, was Verhaltensnoten ja faktisch sind, einfließen zu lassen.
Natürlich ist Wissen nicht alles und Verhalten ist wichtig und Schule ist nicht nur da, um uns mit Informationen vollzustopfen, sondern auch, um uns Sozialkompetenzen zu lehren. Aber dann sollte darauf ein größerer Fokus gelegt werden, als uns zweimal im Jahr mit einer halbherzig getippten Verhaltensnote darauf aufmerksam zu machen, die innerhalb weniger Tage wieder vergessen wird. Insbesondere, da ich in meiner gesamten Schulzeit nie Aufklärung über diese Noten erhalten habe und mir die Informationen in diesem Artikel alle selbst aus dem Internet zusammensuchen musste.
Und dass die Kopfnoten wirklich nicht so relevant sind, zeigt sich spätestens in der Oberstufe, wo diese Noten gar nicht mehr auftauchen.
Generell bin ich auch nicht die erste, die diese Noten hinterfragt, in der Debatte stehen sie nämlich immer wieder. So zitiert die GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) in einem Artikel vom 19.1.2022 den Ifo-Forscher Florian Schoner: „Diese ‚Kopfnoten‘ scheinen sich also weder positiv noch negativ auf die Entwicklung der Schüler auszuwirken.“ Weiter heißt es in diesem Artikel: "Schoner erläutert weiter, dass der zusätzliche Informationsgehalt der Verhaltensnoten so gering sei, weil Fachnoten das Verhalten und die Mitarbeit der Schülerinnen und Schüler bereits zum Teil umfassten.", was ich ja ebenfalls schon oben angesprochen habe.
Ebenfalls in diesem Artikel werden aber auch Argumente der Gegenposition genannt, wie die des damaligen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU), ein selbsternannter "großer Befürworter der Kopfnoten", mit der Begründung, "nicht nur fachliche Bildung, sondern auch soziale Bildung" zu wollen. Wie gesagt ist soziale Bildung natürlich ebenso wichtig, aber es bleibt fraglich, ob Kopfnoten wirklich zu dieser beitragen.
Als Fazit möchte ich festhalten, dass ich zwar den Hintergedanken, derer verstehen kann, die Mitarbeits- und Verhaltensnoten für eine gute Idee hielten, aber das heißt nicht, dass ich die diese
gut finde oder glaube, dass sie einer größeren Hinterfragung standhalten können. Im Endeffekt ist es vielleicht gar nicht so wichtig. Wie gesagt beeinflussen Kopfnoten nicht die Versetzung
und so könnte es mir ja auch egal sein, ob wir sie weiter vergeben sollten oder nicht.
Aber besonders den Fakt, dass mit diesen Noten noch einmal Gesellschaftsstandards verstärkt werden, die extrovertierte Menschen, welche kein Problem damit haben, sich zu melden oder mit ihrer
offenen Art zu einem guten Klassenklima beitragen, stark bevorzugen und introvertierte Menschen nachwievor als “schlechter” darstellen, finde ich problematisch und sollte meiner Meinung nach
genug Stellenwert haben, um die Vergebung von Kofnoten noch einmal zu überdenken.
Julia
Quellen:
Q1: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/viel-laerm-um-nichts-1; Letzter Zugriff: 26.03.26
Viel Lärm um Nichts - GEW
Q2: https://de.wikipedia.org/wiki/Kopfnote; Letzter Zugriff: 26.03.26
Kopfnote - Wikipedia
Q3: https://www.landesrecht.rlp.de/bsrp/document/jlr-SchulORP2009pP62; Letzter Zugriff: 26.03.26
Übergeordnete Schulordnung - Landesrecht RLP
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