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„Dass in Deutschland Jugendliche schon ab 14 im Beisein der Eltern legal Alkohol trinken dürfen, finde ich Körperverletzung!“
In diesem Interview erhälst du Einblick in die Suchtberatung unserer Schule. Du erfährst, an wen du dich wenden kannst, was man bei Sucht machen kann und wie jemand, der in diesem Bereich tätig ist zu mancher politischen Entscheidung steht.
Sei gespannt auf Frau Wahl-Becker, die „Beauftragte für Suchtprävention" am Evangelischem Trifels-Gymnasium Annweiler.
Lasse: Schön, dass Sie hier sind. Ich würde einfach gleich mal mit einer Einstiegsfrage anfangen. Sie sind Beratungslehrerin für Suchtprävention. Seit wann haben Sie denn dieses Amt inne?
Frau Wahl-Becker: Seit 2006 tatsächlich. Das ist ein Weilchen her und es hat sich viel verändert in der Zeit, aber da kommen wir wahrscheinlich noch zu.
Ergänzung der Redaktion: Frau Wahl-Becker hat das Amt seit 2006 inne. In der Hörversion hörst du also das falsche Jahr!
Lasse: Was sind das für Aufgaben, die Sie in so vielen Jahren hier betreut haben?
Frau Wahl-Becker: In erster Linie geht es darum, euch Schüler:innen zu sensibilisieren dafür, wie Sucht entsteht, was Suchtfragen betrifft und wie der Umgang damit ist. Das heißt, Information ist das eine. Dafür gab es viele Formate in der Vergangenheit, die einbisschen auch durch Corona-Zeiten eingeschlafen sind. Da sind zum Beispiel das Multiplikatoren-Seminar oder die polizeiliche Prävention zu nennen. Auch bei unseren Feten haben wir alkoholfreie Cocktails verkauft. Es gab hier Rauchfreikurse, als es anstand, dass auch wir rauchfreie Schule würden. Das sind einige Formate hier gewesen.
Lasse: Über manche Formate werden wir später reden und ein bisschen
genauer darauf schauen. Wir kennen Sucht ja ganz unterschiedlich. Was ist denn eine Suchtg generell?
Frau Wahl-Becker: Es gibt da eine fixe Definition, dass in einem unabweislichen Verlangen, bestimmte Gefühlserlebnisse oder auch Bewusstseinszustände, hervorgerufen werden. Und das kann wirklich durch alle möglichen Stoffe, stoffgebunden oder auch nicht stoffgebunden, ausgelöst werden. Kennzeichen für eine Sucht sind dabei Wiederholungszwang beispielsweise oder auch die Dosissteigerung und dass man so eine
verminderte Kontrolle hat über das, was man tut. Dass man physisch und psychisch oder nur psychisch abhängig sein kann. Dass man, obwohl man weiß, dass es Folgeschäden gibt, trotzdem weiter konsumiert. Auch das ist ein klassischer Punkt. Von Außen merkt man es häufig an Vernachlässigung von Interessen-Dingen, die einem vorher wichtig waren, die nicht mehr so zum Tragen kommen. Und wenn etliche von diesen Anzeichen greifen, dann kann man schon sagen, ich habe entweder tatsächlich eine Sucht oder bin suchtgefährdet.
Lasse: Wenn die Interessen wegfallen, merken das auch die Leute, die von der Sucht betroffen sind, so direkt? Oder hat man da eher eine negative Einstellung dazu?
Frau Wahl-Becker: Ja, also das erleben wir ganz oft, dass eben auch ein Negieren des eigentlichen Verhaltens da ist. Gedankengänge wie: „Nee, mir geht es doch eigentlich gut" oder „Ich blende das aus". Das ist ein häufiges Phänomen. Trotzdem spüren die Menschen häufig so eine Traurigkeit oder auch so ein „Ist mir gerade nicht wichtig, was vorher wichtig war"-Gefühl. Eine Veränderung also schon, die aber eben nur in Teilen wirklich akzeptiert wird.
Lasse: Süchte sind ja in der ganzen Gesellschaft vertreten, auch in der Schule. Deswegen gibt es ja auch dieses Angebot hier. Wo in unserer Schule bekommen wir denn Ihre Arbeit mit?
Frau Wahl-Becker: Vieles geht im Verborgenen. Die Aktionen, die vorher breiter waren, haben sich im Laufe der Zeit verändert. Das ist auch dem geschuldet, dass sich die Nachfrage bei Schüler:innen verändert hat. Ich werbe im Hausaufgabenheft mit der Suchtprävention und gehe dann in den neunten Klassen regelmäßig für zwei, manchmal
drei Stunden durch alle Klassen und sensibilisiere für das Thema. Wir haben das große Glück, dass wir jetzt im dritten Jahr das Theater „Requisit" hier haben durften, die ohne, dass sie das Thema zunächst direkt ansprechen, mit ihrem Improtheater einfach eine Ebene schaffen, um dann in Anschlussgesprächen mit den Mitarbeitenden des Ensembles über deren Suchterfahrungen zu sprechen. Das sind bis auf die Leitung alle Menschen, die persönlich Suchterfahrung haben. Ja, und daraus entwickelt sich dann in manchen Jahrgängen tatsächlich sowas wie ein Multiplikatoren-Seminar. In vielen der letzten, gerade jüngeren Jahrgänge, nicht. Ich denke, da ist jetzt eben auch der Punkt, wo mal wieder neu gestartet werden muss.
Lasse: Die Schauspieler der Theatergruppe haben Suchterfahrung gemacht und Suchterfahrung machen wir ja auch als Schüler. Also jeder hat bestimmt mal an einer Vape gezogen, an einer Zigarette gezogen, hat Cannabis konsumiert oder war auf Social Media zu viel unterwegs. Wenn uns das auffällt, wer ist denn hier der Ansprechpartner? Sollten wir uns eher an Fachstellen, die Nummer für Kummer, wenden oder lieber an unseren Schulpsychologen?
Frau Wahl-Becker: Primär würde ich mich immer als Betroffene:r an jemanden meines Vertrauens wenden. Das kann jede und jeder unseres Kollegiums sein. Nun ist da die Hemmschwelle groß. Wir haben das Glück jetzt mit dem Herrn Hock einen Schulsozialarbeiter zu haben, der außerhalb des unterrichtenden Geschehens tätig ist.
Das wäre natürlich auch die Anlaufstelle für Schüler:innen, die sagen, ich brauche jemanden, der mich auch nicht bewertet und nicht unterrichtet. Einige Schülerinnen und Schüler kommen auch direkt einfach zu mir, weil sie wissen, dass ich das mache. Wichtig ist, dass ein Gespräch stattfindet und man dann schaut, auch für die betreffende Person, die angesprochen wird: Fühle ich mich da gerade überfordert, habe ich einen Rat, um anschließend weitere Schritte zu gehen.
Lasse: Oft merkt man ja nicht als Person selbst, dass man suchtabhängig ist, sondern erst die Freunde, die Familienangehörigen, das nähere Umfeld. Wer ist denn da ein guter Ansprechpartner? Wenn man als nahestehende Person merkt, okay, mein Sohn, mein Freund, meine Freundin, die geht in die Richtung Sucht?
Frau Wahl-Becker: Also es gibt die Fachstelle Sucht in Landau. Natürlich können Menschen immer erst mal mit mir ins Gespräch kommen, gerne, aber wenn auch da die Hürde zu groß ist, ist das wirklich so die erste Adresse, die ich auf jeden Fall vorschlagen würde.
Lasse: Sie haben einen Suchtmultiplikator gemacht und das auch als Angebot bei uns herausgestellt. Können Sie vielleicht mal kurz zusammenfassen, was ist dieses Seminar, gibt es das noch?
Frau Wahl-Becker: Also ich brauche eine gewisse Anzahl von Schülerinnen und Schülern. Ich habe in der Vergangenheit tatsächlich, von allen achten Klassen immer vier Schülerinnen verpflichtet. Das hat sich aber in den letzten Jahren nicht als praktikabel erwiesen. Aber so ein Mindestmaß an Menschen braucht es, um dann zusammen in so einem Seminar sich kundig darüber zu machen, was Sucht ausmacht, beziehungsweise alle Themen dort drumherum. Also zum Beispiel: Wie entsteht das denn? Wie merke ich das? Wovon hängt es denn eigentlich ab, dass jemand da eher gefährdet ist? Und das Seminar hat ganz viel mit Persönlichkeitsbildung zu tun. Für viele klingt das so, als ginge es darum, wie wirkt Heroin und Kokain? Und ja, darum kann es auch gehen und ist auch Teil dessen. Es geht aber eher wirklich darum zu verstehen, was sind Voraussetzungen, was bringt Menschen dazu oder in solche Situationen. Das zu erkennen und zu lernen, welche Möglichkeiten ich in dem Fall als Mitschüler:in habe dort einzuwirken. Welche Alternativen kann ich anbieten? Wo merke ich etwas? Wie fühlt sich das Ganze an? Das sind alles so kleine Bausteine, die man im Seminar macht, um dann damit, in die sechsten Klassen zu gehen und da auf ganz anderer Ebene anzufangen. Ich würde mir wünschen, dass das vielleicht wieder ein Format wäre, was auch unsere jetzigen Schüler:innen annehmen.
Lasse: Genau, das geht ganz klar an euch, liebe Leser:innen. Wenn ihr Lust habt darauf, sprecht Frau Wahl-Becker doch einmal an. Schließlich haben wir das Angebot. Aber dieses Angebot ist nichts Seltenes. Denn es ist Rheinland-Pfalz-weit organisiert. Dazu gibt es auch ein Grundlagenpapier zur Suchtprävention in Rheinland-Pfalz und da steht folgender Satz: „Die wichtigste Aufgabe ist es bei der Suchtprävention, die Stärkung der Persönlichkeit durch die Förderung von Selbstvertrauen und sozialer Kompetenz, um Kinder und Jugendliche widerstandsfähig gegenüber Risikofaktoren zu machen." Ist das Ihrer Meinung nach die wichtigste Aufgabe in der Arbeit mit oder gegen Abhängigkeiten oder steht da was anderes davor?
Frau Wahl-Becker: Also definitiv müssen wir schauen, dass wir eine Resilienz erreichen und das hängt genau damit zusammen, wie ich selbst im Leben unterwegs bin, was mir wichtig ist und ob ich in einem Sozialgefüge, auch hier wie gerade in der Schule, bin, in dem ich mich wohlfühle. Das im Blick zu haben, wäre gerade das, was mir in den sechsten Klassen wichtig ist. Wo wir auch mit dem Klassentraining genau da ansetzen. Das heißt nicht Suchtprävention, aber im Prinzip tun wir genau das da.
Lasse: Der Job einer Beauftragten für Suchtprävention ist nicht unbedingt der einfachste. Viele Sachen sind damit verbunden und doch liegt es immer in der Hand der Person selbst, oder sehen sie das anders?
Frau Wahl-Becker: Das stimmt. Es ist natürlich auch eine Frage der Kapazität und was eben gerade gebraucht wird. Ich nehme nochmal das Beispiel Rauchfreiheit. Bei uns war das so ein echter Auftrag. Da hatten viele auch Not, denn, was tue ich dann? Kann ich einfach nur eine Sucht abstellen, weil es gerade jetzt angesagt ist, dass ich nicht mehr am Arbeitsplatz rauchen darf? Das heißt, es ist wirklich auch eine Frage der Bedürfnisse der Betroffenen.
Lasse: Wir gehen mal etwas mehr in einzelne Suchmittel, weil dort in den letzten Jahrzehnten sich ganz viel verändert hat. Es sind ganz neue Suchtarten hinzugekommen. Gaming-Sucht, Social Media-Sucht, Vapes, um einige zu nennen. Ist Sucht deshalb heutzutage ein größeres Problem wie noch vor einigen Jahrzehnten?
Frau Wahl-Becker: Würde ich nicht so bejahen. Also, ja, es hat sich verändert. Klar hatten wir die neuen Suchtarten früher nicht. Aber eigentlich geht es mir auch nicht darum, um die Menge, sondern um die Mechanismen, die wirken. Das sind letztendlich immer dieselben. Und natürlich, wenn ein Suchtmittel gar nicht zur Verfügung steht, dann laufe ich auch weniger Gefahr, es zu ge- und missbrauchen. Wenn wir jetzt an die Nutzung der Handys beispielsweise denken. Da sind wir ja gerade dran, weil wir gemerkt haben, es hat Auswirkungen, die uns und den Schüler:innen nicht gefallen. Da muss man dann auch einschreiten als Suchtprävention. Ja, es hat eine andere Komponente heutzutage, und für manche neuen Stoffe ist sicher das Potenzial vielleicht höher. Nur generell ist es unabhängig vom Suchtmittel immer eine Frage von: „Wie gehe ich mit dem, was ich im Angebot habe, um? Denn ich kann alles ge- und missbrauchen!
Lasse: Dann würde ich gerne mit Ihnen eine kleine Ein-Satz-Runde machen. Die funktioniert so: Ich werde einen Satz vorlesen und Sie sollen diesen sinnvoll beenden. Ich würde einfach mal anfangen.
„Der Weg, einzelne Drogen gezielt zu legalisieren, ist im Hinblick auf Jugendliche…
Frau Wahl-Becker: ...Jugendliche wenig hilfreich.“
Lasse: Und auf Erwachsene?
Frau Wahl-Becker: Das würde ich differenziert voneinander sehen. Eine gezielte Legalisierung nimmt die Beschaffungskriminalität weg. Und das ist ein ganz großer, wichtiger Punkt. Für Jugendliche ist es aber zum Teil leider attraktiver geworden. Weil so eine „Macht doch nichts, man darf doch"-Mentalität greift. Am Ende ist der Körper aber ein jüngerer.
Lasse: „Dass viele Jugendliche wegen großer Belastung in der Schule Drogen konsumieren, ist…
Frau Wahl-Becker: ... alarmierend für mich.“ Also die Resilienz oder der Druck, der auf
einem lastet, ist offenbar für viele größer geworden oder wird größer empfunden.
Lasse: „Dass in Deutschland Jugendliche schon ab 14 im Beisein der Eltern legal Alkohol trinken dürfen, finde ich…
Frau Wahl-Becker: ...Körperverletzung!“
Lasse: Also klar weg mit diesem Recht?
Frau Wahl-Becker: Ja, das geht für mich gar nicht!
Lasse: „Dass sich viele Jugendliche nicht trauen, Beratung zu ihrer Sucht zu suchen, ist…
Frau Wahl-Becker: ...sehr bedauernswert.“ Also sehr zu bedauern. Ich bedauere sehr, dass diese Hürde nach wie vor so hoch ist und dass man auch nicht erkennt, dass es einfach kein Makel ist.
Lasse: Nun, wir haben jetzt ein paar Positionen von Ihnen gehört. Wenn wir in unsere Zukunft hier an der Schule blicken, was erwarten wir hier für neue Angebote?
Frau Wahl-Becker: Ich biete nach wie vor das Multiplikatoren-Seminar an, um eine Grundschulung für Schüler:innen zu ermöglichen. Und ansonsten steht und fällt es mit dem, was ihr euch vorstellt, wünscht und sagt. Es gibt ganz viele Ideen, deren Umsetzung aber immer von dem abhängt, was ihr Schüler:innen gerade braucht!
Lasse: Am Ende würde ich Ihnen jetzt noch die Möglichkeit geben, einen letzten Appell an die Leser:innen zu richten. Vielleicht nochmal in den letzten drei, vier Sätzen, was Sie sich vielleicht noch wünschen würden.
Frau Wahl-Becker: Also ich wünsche mir auf jeden Fall ein gutes aufeinander aufpassen, andere wahrzunehmen. Dann auch zu handeln, wenn man merkt, da braucht jemand irgendwie eine Unterstützung. Kommt ins Gespräch, bleibt nicht alleine. Und wenn es nicht alleine geht, sucht euch jemanden eures Vertrauens. Ich habe am Anfang gesagt, das kann jeder von uns Lehrer:innen sein, das kann unser Schulsozialarbeiter sein. Das kann natürlich für viele in erster Linie ich sein. Dieses Angebot steht für alle. Um dann zu schauen, wo man als Helfer:in merkt, da ist eine Grenze, dass man eine externe Begleitung hinzuzieht. Wichtig ist auch zu wissen, dass ich eine Schweigepflicht habe. Nicht alles, was jemand erzählt, muss eben öffentlich sein. Man darf das auch erstmal im geschützten Raum sagen. Aber man darf nicht alleine bleiben. Das wäre das Allerwichtigste!
Lasse: Vielen, vielen Dank, dass Sie heute hier sein konnten und von unserer Redaktion den Appell; Wir haben unter dem Artikel Beratungsstellen verlinkt, wenn ihr vielleicht innerhalb des Interviews oder schon seit längerer Zeit gemerkt habt, da ist vielleicht was nicht richtig und es könnte eine Sucht sein, ruft dort an, sprecht die Leute an, vielleicht einen Freund, vielleicht unseren Schulsozialarbeiter, vielleicht Frau Wahl-Becker. Das sind die Möglichkeiten, die ihr habt. Nutzt sie und dafür wollen wir hier auch nochmal werben.
Nochmal vielen, vielen Dank an Sie und ich wünsche Ihnen noch einen ganz angenehmen Tag und frohes Schaffen in der Suchtberatung.
Frau Wahl-Becker: Herzlich gerne!
(Sucht-)Beratungsstellen:
Fachstelle Sucht Landau:
Telefon: 06322 94180
Adresse: Kirchgasse 14, 67098 Bad Dürkheim
E-mail: [email protected]
Nummer gegen Kummer:
Telefon: 116 111
Beratungsstellen in Rheinlandpfalz:
https://suchtpraevention.rlp.de/hilfe-und-beratung/suchtberatungsstellen-in-rheinland-pfalz/
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