Geier

Kann Spuren von Wahnsinn, Grausamkeit und meiner eigenen Verrücktheit enthalten. Auf Empfehlung der Autorin hin nicht lesen. Ihr seid gewarnt.

 

 

Schreie des Todes dringen an meine Ohren. Ich schlage die Augen auf, nur um sie im nächsten Moment wieder schmerzhaft zusammenzukneifen um dem blendenden Licht zu entkommen. Blinzelnd versuche ich es erneut und kann nun einen wolkenlosen, azurblauen Himmel über mir ausmachen. Die Sonne steht beinahe direkt über mir und ihre Strahlen treffen sengend auf mein Gesicht. Lange kann ich meine Lider nicht offen halten. Als ich sie erneut schließe, schiebt sich ein Schatten vor die Sonne. Es waren doch keine Wolken zu sehen gewesen.

 

Ich öffne meine Augen wieder. Drei Schatten kreisen über mir. Ihre mächtigen Schwingen verschleiern das Licht der Sonne, nehmen mir das Licht der Welt, meines Lebens, meiner Seele…

 

Kopfschüttelnd versuche ich die wirren Gespinste aus meinem Kopf zu verbannen und konzentriere mich auf mich selbst. Mein Körper liegt im Sand, meine Kehle ist ausgetrocknet und jeder Muskel tut mir weh. Ein schmerzhaftes Pochen zieht sich meine Schläfen hinauf.

 

Vorsichtig setze ich mich auf. Wo ich hinblicke, Sand. Endlose Dünen die bis in die Unendlichkeit zu reichen scheinen. Wie bin ich hierher gekommen?

 

Das letzte woran ich mich erinnere ist ein verschwommener Sturm aus Schreien, Schmerz, Blut und Verzweiflung. Eine eisige Klaue krallt sich in der Hitze um mein Herz, als ich den bitteren Geschmack von Verlust und der Gewissheit des Todes wieder auf der Zunge habe. Bin ich tot?

 

Langsam, mit schmerzenden Beinen, richte ich mich auf. Erneut schiebt sich eine Schwinge vor die Sonne. Ich blicke nach oben. Es sind die Flügel von Geiern. Aasfresser. Sie kreisen über Verwundeten, warten bis sie sterben, um sich an ihnen gütlich zu tun.

 

Ich weiß nicht, woher ich dies plötzlich weiß. Alles scheint so verschwommen, unklar… Keuchend gehe ich in die Knie. Ein Zittern überkommt mich, ich kralle meine Hände in den Sand. Schweißperlen rinnen meine Stirn hinab und landen im Sand, sickern hinein und verlieren sich wie meine Erinnerungen irgendwo in den Falten der Welt.

 

Das Zittern beruhigt sich. Ich lasse mich vollständig in den Sand fallen. Ich vergrabe die Hände in meinem wirren Haar. Sofort zucke ich zurück und blicke wie erstarrt auf meine Finger. Sie sind rot. Blutrot. Wie kommt Blut in mein Haar? Die Schreie der Geier werden lauter. Ungeduldiger. Habe ich nur das Gefühl, oder werden sie schneller? Immer öfter verschleiern ihre Flügel die Sonne. Immer enger kreisen ihre Schatten um mich herum.

 

Angst und Panik schnüren mir die Kehle zu. Ich versuche mich zu beruhigen, doch es bringt nichts. Der Boden unter mir scheint sich zu wölben und zu kräuseln. Übelkeit macht sich in mir breit und ich muss würgen.

 

Ich beuge mich nach vorne und übergebe mich. Mein Zittern wird noch stärker. Alles dreht sich. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Schatten der Geier, die mich umkreisen.

 

Der Boden bäumt sich immer stärker auf, versucht meine unreine Gestalt loszuwerden. Irgendetwas beginnt zu brodeln wie Lava. Risse schneiden sich durch den Sand unter mir und Klüfte durchziehen den Boden. Zuerst denke ich, die rote Flüssigkeit die daraus hervorkommt ist Magma, aber als ich realisiere was es wirklich ist, wird mir noch schlechter. Blut. Brodelnd wie kochendes Wasser steigt es aus der Erde, schließt sich um mich. Innerhalb von Sekunden hat sich das Meer aus Sand in ein Meer aus Blut verwandelt. Wann hat die Realität angefangen sich in Wahnsinn zu wandeln, den Wahnsinn eines Sterbenden?

 

Das Blut tost um mich herum, klebt sich an meine Kleidung, versucht mich nach unten zu ziehen. Metallisches Rot dringt in meine Lungen und meine Ohren ein. Ich atme mühsam die trockene Wüstenluft ein. Der Blutstrom reißt an mir. Spielt mit mir. Wartet, bis ich aufgebe, anstatt all dem schnell ein Ende zu machen.

 

Die kreisenden Geier sind wie ich. Unerbittlich.

 

Die sengenden Sonnenstrahlen sind wie ich. Grausam.

 

Das Blut ist wie ich. Tödlich.

 

Wie viele Menschen habe ich auf eine solche Art umgebracht, wie es mir nun geschieht? Mit dem Blick auf Blut, die Schreie der Geier über sich und trotzdem mit der heißen Erkenntnis der Sonne, dass all das kein Traum ist?

 

Mir wird erneut übel. Der Gestank von Blut begräbt mich in sich. Ich höre auf zu kämpfen. Nicht, weil ich es nicht mehr könnte. Ich ergebe mich. Sofort nimmt das Blut mich an sich.

 

Mit einem magenumdrehenden, gurgelnden Geräusch saugt es sich in mich ein. Ich ertrinke in dem Blut.

 

In meinem letzten Augenblick sehe ich die wilden Augen der Geier, welche sich auf mich herabsenken.

 

 

Eine Leiche liegt in der Wüste. Sie ist von dem Blut ihrer Gegner benetzt, die um sie herum verstreut sind. Es ist ein Schlachtfeld. Die Leiche liegt etwas abseits zu den anderen. Sie trägt eine andere Uniform als ihre Gegner. Alle kämpften gegen sie, die alleine stand. Sie starb zuletzt. Um sie herum ist ein ganzes Meer aus Leichen, man kann den Boden nicht mehr ausmachen. Die Gesichter der Menschen sind schmerzverzerrt und von Grauen gezeichnet. Keiner unter ihnen hatte einen Tod, den sie verdient hätten.

 

Auch die Leiche am Rande hatte ihren Tod nicht verdient. Sie hätte einen viel, viel schlimmeren Tod verdient, als den, der sie dahinraffte, ihr eigener Wahnsinn und das Blut ihrer Gegner.

 

 

Drei Geier steigen vom Himmel herab. Sie respektieren die Leichen der Widerstandskämpfer. Sie kennen den Pakt der Welt, das Band das die Welt verbindet. Sie wissen, von wem sie sich laben dürfen. Alle drei lassen sich auf der einsamen Leiche nieder. Alle drei senken sie ihre Schnäbel und schlagen sie tief in das Fleisch der toten Gestalt.

 

Sie lassen das verschwinden, was Tod brachte, ohne sich dem Tod selbst bewusst zu sein. Sie verzehren das, was sich der eigenen Grausamkeit nicht bewusst war. Sie tilgen, was nicht nachdachte und deshalb tausende Leben vernichtete und zerstörte. Sie stoßen Schreie des Todes, der Qual und der Gerechtigkeit aus.

 

Julia

 

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