Kammerkonzert in der Aula

Die Stühle reichen nicht für alle Gäste. Die Technik-Crew baut, tatkräftig unterstützt von Herrn Stender, eine weitere Reihe auf. Schüler:innen und Lehrer:innen tummeln sich in der Aula, die zuletzt bei den Kursarbeiten so überfüllt war. Auch ehemaliger Musiklehrer Herr Schmidt ist gekommen, um dieser Vorstellung beizuwohnen.

 

Ich setzte mich mit Freunden in eine der hinteren Reihen, während wir darüber philosophieren, warum es Kammerkonzert heißt, wo es doch in einer Aula stattfindet. Eine Antwort finden wir nicht mehr.

 

Frau Wohlert begrüßt das Publikum zum Kammerkonzert am ETGA. In ihrer Ansprache spricht sie von einem „bunten Frühlingsstrauß an Stücken“, die die musikalischen Schüler:innen vorbereitet haben. Eine besondere Überraschung wird angekündigt, dann wird der erste Musiker auf die Bühne gerufen.

 

Ein Junge erhebt sich aus den Zuschauerreihen und setzt sich an den schwarzen Flügel. Es ist Leonhard L. aus der 5c, der Bolero von Maurice Ravel spielt. Dunkle und helle Töne entspringen den Tasten unter seinen Fingern. Ein gekonnter Anfang. Man fragt sich, wie lange man üben und wie sehr ein Kinderherz an Musik hängen muss, um ein Lied dieser Stärke aus einem unbelebten Gegenstand zu ziehen und im Raum auszubreiten. Ich, als nicht-Musik-Kennerin, hätte erwartet, dass man mehr als zwei Hände für dieses Stück braucht. Ein Donnerwetter aus dem Flügel und das Lied ist am Ende.

 

Das nächste Stück hingegen ist sanft. Ruhig. Friedlich. Wie Mondlicht, das sich in einer dunklen Waldlichtung spiegelt, gemischt mit Melancholie, Harmonie und einem Hauch von Freude. Diesmal sitzt Nick Z. aus der 6a am Flügel und sein erwähltes Stück nennt sich Romance von Theo Thebald. Die Töne schwellen an, legen sich nieder und verklingen mit einem sehnsüchtigen Hauch.

 

Die nächste Künstlerin mit einem Herz aus raschelnden Notenblättern begibt sich an den Flügel. Ein Mikrofon wird vor ihr aufgestellt: Ein klares Zeichen, dass wir nicht nur singende Tasten hören werden. Leni H. aus der 7a trägt Easy on me von Adele vor. Ihr kräftiger Gesang begleitet das Klavierspiel und stellt es problemlos in den Schatten.

 

Nun betreten zwei Geigen das Podest zu einem Schwesternduett. Luna (MSS 12) und Paulina M. (7c) nutzen ihre Streichinstrumente, um dem Publikum Toxic von Britney Spears zu zeigen. Gelegentlich scheint Luna ihre Geige zersägen zu wollen, so vehement spielt sie. Zu einem klangvollen Solo von Paulina zupft sie an ihren Saiten.

 

Den Geigen folgt ein größeres Streichinstrument: Das Cello. Matilda M. aus der 8c führt dieses Monstrum von Instrument ausgesprochen elegant. Auf dem Klavier begleitet sie Angelika Gruhler. Die vorgeführte Sonate in e-moll von Bernhard Romberg ist ein melancholisches Zusammentreffen von Klavier und Cello. Als würden die Instrumente um ihre unglückliche Geschichte weinen. Als die Mitte des Stücks sich dem Ende nährt, wird es dunkel, um dann wieder in die hell-traurigen Töne vom Anfang zurückzufallen, nur mächtiger als zuvor.

 

Und wieder werden die Zuschauer:innen mit Gesang gesegnet. Lysann B. aus der 9b singt The rose von Amanda McBroom, während Leni H. sie auf dem Klavier begleitet. Die Worte „It is the heart afraid of breaking that never learns to dance“ wirken auf seltsame Art bewegend.

 

Als nächstes setzt Herr Stender selbst sich an den Flügel. Seine Talente bleiben jedoch vollkommen unbeachtet, da alle auf die Sängerin Nele P. aus der MSS 11 blicken, die mit ihrer melodischen Stimme die Aula erfüllt. „I know I have a heart because you broke it.“ Passenderweise heißt das Lied I know I have a heart von A.L. Webber.

 

Mit Turning Tables von Adele schlägt Lucia E. (MSS 12) die Zuschauer:innen in den Bann. „I won’t let you close enough to hurt me.“ Begleitet wird sie von Julian H., dem Stufensprecher der MSS 12. Und hier muss ich einwenden, wie erstaunlich es ist, dass so vielen Schüler:innen der MSS sich trotz Klausurenphase und Schulstress der Musik hingeben. Und ein Gedanke, der mir während des Lauschens gekommen ist: Wenn man wunderschöner Musik lauscht, lernt man, wie kurz und gleichzeitig lang eine Sekunde wirklich ist.

 

Die nächsten beiden Lieder bergen einen ganz besonderen Musikgeschmack in sich, der sicherlich nicht jedem gefallen würde. Juliette M. (ebenfalls MSS 12) und ihre Gesangslehrerin Heike Wiesner singen zur Klavierbegleitung von Angelika Gruhler die Lieder Ich wollt meine Liebe ergösse sich und Herbstlied von F. Mendelssohn-Bartholdy. Sie singen perfekt aufeinander abgestimmt und wenn ich den Tönen lausche, muss ich doch denken, wie unfassbar schwer es sein muss, so zu singen. Der Musikstil an sich fordert komplette Kontrolle über die eigene Stimme. Und auch hier ist der Text ergreifend: „So wird mein Bild dich verfolgen, bis in den tiefsten Traum“.

In der Reihe hinter mir bricht lauter Jubel aus. Doch in dem kurzen Moment zwischen Liedende und Klatschen kann man in Juliettes Augen Unsicherheit erkennen. Zweifel, ob es den Zuschauer:innen gefallen hat. Zweifel, ob jemand klatschen wird. Dann ertönt schallender Beifall und die Unsicherheit verschwindet.

 

Nun kommen wir zur Überraschung des Abends. Luna M. (MSS 12) hat für ihre Facharbeit in Musik ein eigenes Streichquartett komponiert, dessen erster Satz als Uraufführung in der unwürdigen Aula des TGAs erklingen soll. Herr Wohlert, Peter Reisen und Agnes Hoffmann begleiten Luna und führen an ihrer Seite dieses einzigartige Musikstück auf. (Alle drei haben nach der Aufführung übrigens eine Flasche Wein von Luna erhalten.)

Natürlich muss etwas schiefgehen. Nach neun Sekunden halten die Spieler plötzlich inne. Luna bleibt ruhig. „Probieren wir nochmal“, erklärt sie dem Publikum gelassen, was allseitiges Gelächter hervorruft. Was soll ich nun zu diesem Streichquartett sagen? Es ist wunderbar, ergreifend und einzigartig. Ich habe von Anfang bis Ende mitgefilmt. Dummerweise haben meine Hände dabei gewackelt. Nächstes Mal drücke ich die Kamera meiner Freundin in die Hand. Die kennt sich damit aus!

Und falls Luna in zehn/fünfzehn Jahren durch Europa reist und auf Bühnen von Welt ihre Streichquartette zur Geltung bringt, waren wir doch hier dabei. Bei der Uraufführung.

 

Als nächstes bekommen wir die Sonate Nr.3 von Beethoven vorgetragen. Da Beethoven selbst nicht anwesend sein kann, übernimmt Julian H. aus der MSS 12 es, seine Stücke in der Aula auszubreiten. Herr Wohlert stellt sich neben ihn an den Flügel und erklärt, wir als Publikum sollten zwischen den Sätzen nicht klatschen, da es Julians Konzentration durchbrechen würde.

Julian begibt sich an den Flügel und fängt an. Herr Wohlert bleibt neben ihm stehen und blättert seine Noten um. Manchmal scheint Julian die Tasten förmlich zu schlagen, dann wiederum wird er ruhig, als müsse er dem Flügel sanft zureden. Klavierspielen ist bestimmt eine gute Art, Aggressionen loszuwerden. Julian spielt mal ruhig, mal langsam, mal schnell, mal wild, mal dunkel, mal hell. Es ist ein Wunder, wie aufregend und vielfältig Klaviermusik sein kann. Während Julian sich durch Allegro con brio, Adagio, Scherzo Allegro und Allegro assai spielt, wird es draußen immer dunkler. Man möchte die Musik am liebsten in einem Stein aus Glas einfangen, um ihr Wesen für immer zu bewahren, nicht nur das Echo ihrer Töne.

Als Julian endet, herrscht Stille. Dann, zaghaft, beginnt eine Reihe des Publikums zu klatschen. Sofort stimmen alle anderen mit ein. Der Applaus währt lange an – nur logisch, wenn man bedenkt, dass wir zwischendrin nicht klatschen durften.

 

Nun gibt es kurze Musik-Pause. Anne Seehaus, die vor einigen Jahren ihren Abschluss am TGA gemacht hat, betritt die Bühne und erklärt, dass im Nachhinein Spenden für die Ukraine gesammelt werden. Kleine Geldbeiträge der Zuschauer:innen gehen als materielle und finanzielle Hilfe an den „Arbeitskreis Ukraine-Pfalz von Bad-Bergzabern“ und an die „Ukraine Hilfsaktion des Landesjugendpfarramtes“. Bereits eine halbe Stunde später werden die kleinen Spendenkörbe voller Scheine sein. Hier und da lugt sogar ein Fünfziger heraus.

 

Und es kommt zur letzten Aufführung des Abends: At last von Etta James, gesungen von Juliette M., mit Begleitung von Julian H. auf dem Klavier und Luna M. auf der Violine (allesamt Schüler:innen der MSS12). Auch hier merkt man, dass so richtig mit Gefühl vorgetragen wird – Luna und ihre Violine wiegen sich auf der Bühne hin und her. Ein gelungenes Ende. Und allgemein eine sehr gelungene Vorstellung.

 

Zu guter Letzt werden alle Teilnehmer:innen (Musiker:innen, Lehrer:innen und die TechnikAG) auf die Bühne gerufen um noch einmal im Jubel der Zuschauer zu baden. Ihnen allen werden Blumen in die Hand gegeben. Mit dem mittlerweile obligatorischen „Bleiben Sie gesund“ endet die Veranstaltung.

 

Außerdem sollte an dieser Stelle noch mal die Technik AG gelobt werden, die zwischen Auftritten auf die Bühne kam, Mikrophone eingestellt hat, das Licht verändert haben und genauso zur Vorstellung gehörten, wie die Musiker:innen.

 

Selbst wenn die Vorstellung vorbei ist, bleiben die Leute noch. Brezeln werden verzehrt, Musiker:innen gelobt. Frau Rempe rennt rum und fragte ihre Schüler:innen, wo denn ihr Beitrag zum Konzert war. Langsam ebben die Leute weg. Die Übriggebliebenen beginnen mit dem Aufräumen der Aula – egal ob Gast oder nicht.

 

Der Abend vergeht und die Aula wird allein zurückgelassen, auf die nächsten Kursarbeiten bangend. Doch in der Spiegelung der Fenster und im Flüstern der Vorhänge erklingt noch immer Klavierspiel. Julian, Nick und Leonhard schlagen in die Tasten. Matilda sitzt mit ihrem Cello auf der Bühne, Luna und Paulina wiegen sich mit Geigen. Die Schatten ihrer Musik setzen sich im Boden fest. Gesangsfetzen von Leni, Juliette, Lucia, Nele und Lysann bleiben zwischen den Stühlen hängen.

 

Der Abend des Kammerkonzerts ist beendet. Die Erinnerung währt ewig.

 

 Hannah

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Amazone (Freitag, 08 April 2022 14:54)

    Ein sehr schöner, bildhaft geschriebener Artikel. Eine sehr gute Zusammenfassung für jeden, der nicht dabei war (Schande über euch). Wobei er natürlich nicht die Klänge ersetzen kann, die wir vernommen haben.

  • #2

    Hannah (Freitag, 08 April 2022 16:59)

    @Amazone einen Teil von Lunas Stück sollte auf unserem Instagram zu sehen sein. Für alle, die es verpasst haben

  • #3

    S. (Donnerstag, 14 April 2022 12:40)

    Dieser Artikel ist einfach nur toll geschrieben und spiegelt den Abend wieder wie er gewesen ist.
    Vielen Dank dafür!

  • #4

    Herr Wohlert (Samstag, 16 April 2022 15:35)

    Vielen lieben Dank für diesen hervorragend geschriebenen Beitrag. Macht weiter so - liebe Grüße Euer Fachschaft Musik :-)