Was ist Liebe?

Was war Liebe nur?

Verzweifelt schlug Laryn sich durch die Äste, die siem den Weg versperrten. Siere Arme wurden heillos zerkratzt, doch sier kümmerte sich nicht darum.

Irgendwann brach Laryn zusammen.

Siere Hände krallten sich in das feuchte Herbstlaub. Rotes Haar schleifte auf den Blättern. Tränen benetzten den Waldboden.

»Ich liebe dich«, hatte Ashay siem gesagt. Und Laryn hatte nur dagestanden, vor der Person, die in sierem Leben die wichtigste geworden war, die es gab.

Ashay, das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren, der dunklen Haut und den klaren Augen. Sie war hübsch. Sie war nett. Laryn liebte sie.

Aber liebte sier sie auf die Art und Weise, wie sie sien liebte? Was war denn verkehrt daran, nur Freunde zu haben? Wieso beharrten alle darauf, dass man unter jeden Umständen mit jemandem zusammenkommen musste? Wieso beharrten alle darauf, dass man ein Mädchen oder ein Junge sein musste - und wenn man als das eine geboren war, nicht das andere sein konnte?

Laryn war weder ein Junge noch ein Mädchen. Sier hatte kein Geschlecht - aber außer Ashay und sieren anderen Freunden hatte das niemand akzeptiert. Als Ashay versucht hatte, es schonend sieren Eltern beizubringen, hatten diese das alles als einen Scherz abgetan. Noch immer benutzten sie den Laryn verhassten männlichen Namen und die verhassten männlichen Pronomen. Was war daran so schlimm, dass sier kein Geschlecht hatte? Was war daran so schlimm, dass sier nicht mit mit jemandem zusammenkommen wollte? Und was war daran so schlimm, dass sier keine Ahnung hatte, was Liebe war?

Laryn richtete sich auf. Siere Hände waren voller Dreck, ebenso siere Hose. Natürlich war es eine Hose. Um ein Kleid zu tragen, war sier der Gesellschaft ja zu männlich. Als ob es irgendetwas ändern würde, wenn alle Leute Röcke und Kleider tragen dürften.

Eine Krise nach der anderen.

Zuerst das Gefühl, nicht in den eigenen Körper zu passen.

Dann die Erkenntnis, dass sier intimen körperlichen Kontakt zu anderen unangenehm fand.

Und jetzt auch noch die schleichende aber unaufhaltsame Realisation, dass Laryn auch nicht wusste, was Liebe war.

Kein Geschlecht. Keine Liebe.

Was blieb siem denn dann noch?

»Laryn!«

Abrupt erhob sier sich vom Waldboden.

Laryn hatte unterdrückt, dass Ashay siem gefolgt war, als sier, verwirrt und überfordert von ihrem Liebesgeständnis weggerannt war.

»Laryn!«

Laryn hörte sieren eigenen Herzschlag. Unentschlossen stand sier da. Was sollte sier tun? Wie sollte sier mit Ashay reden?

Da brach Laryns beste Freundin auch schon aus dem Gestrüpp und stoppte abrupt, als sie Laryn vor sich sah, gerötete Augen und verdreckte Hände und Knie.

»Hey«, sprach sie, nachdem sie sich gefangen hatte.

Laryn blieb stumm. Verzweifelt suchte sier nach Worten, aber wie konnten Worte denn erklären was sier fühlte, in sierem Inneren schon lange wusste, auch wenn sier es sich nicht eingestehen wollte?

»Ashay, ich…« Laryns Stimme versagte. Sier biss sich auf die Lippe. Wieso klang sier viel kläglicher, als es sich in sierem Kopf angehört hatte?

»Es ist okay«, sprach Ashay, in ihrer Stimme lag mehr Verständnis, als Laryn sierer Meinung nach verdiente.

»Es war dumm. Und du musst überhaupt nicht fühlen, was ich fühle. Ich will nicht, dass es dir schlecht geht. Um ehrlich zu sein habe ich ohnehin nicht gedacht, dass du nicht dasselbe fühlst. Das ist nicht schlimm! Ich wollte ehrlich zu dir sein, dass war alles, Laryn.«

Laryn nickte, siere Augen schwammen in Tränen.

»Aber… Ashay, ich weiß nicht, was ich für dich fühle. Ich habe keine Ahnung. Ist es Freundschaft? Romantische Liebe? Etwas gänzlich anderes? Deshalb bin ich weggerannt. Ich war einfach so verwirrt.«

Ashay nickte zögerlich.

»Ich glaube, ich verstehe was du meinst. Aber ist es wirklich so wichtig, auf welche Art du mich magst? Ich liebe dich. Und du magst mich auf irgendeine Art auch. Wir können zusammenleben, ohne dass du weißt, was du fühlst.«

Laryn rieb sich mit dem Daumen die Tränen aus den Augenwinkeln.

»Das…«, sagte sier, »das wäre schön. Danke, Ashay.«

Das Mädchen nahm Laryns Hand und lächelte.

 

 

 

 

Laryn hat keine Geschlecht und ist somit agender. Ich habe eines der diversen Pronomen ›sier‹ für sien verwendet.

Außerdem ist Laryn asexuell, spürt also - in sierem Fall - keine sexuelle Anziehung zu anderen Leuten.

Laryn kann nicht zwischen platonischer, queerplatonischer, romantischer, ästhetischer und anderen Formen der Attraktion unterscheiden. Solche Leute werden meist als quoiromantisch bezeichnet.

 

 

Julia

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Kommentare: 5
  • #1

    Queerplatonic (Freitag, 23 September 2022 16:03)

    Eine sehr schöne Geschichte!

  • #2

    Anonym (Freitag, 23 September 2022 20:59)

    Ich verstehe nicht so ganz warum man für eine Person, die weder ein männliches noch ein weibliches noch irgendein anderes Geschlecht hat, ein Pronomen verwendet, dass aus den Pronomen zweier Geschlechter besteht, die die Person nicht ist: Sier besteht ja aus sie und er also männlich und weiblich. Versteht ihr, was ich meine?

  • #3

    Anonym (Freitag, 23 September 2022 21:00)

    Aber die Geschichte ist wirklich sehr schön, die Gedanken, Gefühle und die ineren Diskussionen und Probleme von Laryn werden gut und klar beschrieben!

  • #4

    Kommentar (Freitag, 30 September 2022 13:21)

    Hallo,ich bin ein Kommentar :)

  • #5

    Julia (Freitag, 30 September 2022 13:27)

    @Anonym
    Sier ist das bekannteste diverse Pronomen, das weder explizit weibliche noch explizit männliche Personen anspricht. Es besteht zwar aus er und sie, aber das tun tatsächlich die meisten diversen Pronomen, damit man sie noch als Pronomen erkennt. Der entscheidende Punkt ist in diesem Fall, das sier nicht für weiblich oder männlich spricht und Laryn benutzt es eben.
    Ich hoffe, ich habe das verständlich erklärt. Vielen Dank für die Kommentare!