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Triggerwarnung: Mord
Es ist stockdunkel, als ich durch die Straßen renne. Das Schreien meiner Schwester übertönt alles andere. Ich kann nicht einordnen, wo sie ist, wo die markerschütternden Schreie herkommen.
Er hat sie gefunden, denke ich. Er hat sie gefunden und nun tötet er sie.
Hektisch laufe ich durch menschenleere Gassen, haste über das unordentliche Kopfsteinpflaster. Dann sehe ich sie.
Meine Schwester liegt auf dem Boden, schutzsuchend an eine Wand gedrückt. Über ihr steht eine Person, sie hält ein Messer. Die dunkle Kapuze verdeckt das Gesicht, das Gesicht, das mir noch vor einem Jahr die Welt bedeutet hatte. Nun, vielleicht nicht die Welt, aber zumindest die Aussicht auf den nächsten Drogenrausch. Und das hier ist fast dasselbe.
Kurz wird mir schwindelig, aber ich reiße mich zusammen. Noch hat er mich nicht bemerkt, noch denkt er, niemand würde seine Taten bemerken.
Ich renne los, doch ich schaffe es nicht, bin zu weit weg, als er sich erneut über sie beugt. Der Drang, die Augen zu schließen, ist riesig, aber ich kann es nicht tun. Nicht jetzt, nicht in dem Moment, in dem sie fällt. Noch einmal kreischt sie, dann ist es still. Totenstill.
Ich stehe da, unfähig zu jeder Rührung, während ich mitansehen muss, wie sie gegen die Hauswand kippt, in sich zusammensackt und mit ihr mein Herz.
Nein, das kann nicht wahr sein, sage ich mir. Ich hatte mir geschworen, sie zu beschützen; was, wenn ich nun zu dem Grund ihres Todes wurde? Was, wenn es sie getroffen hat, obwohl ich an ihrer Stelle dort liegen sollte?
Ich scheine ein Geräusch gemacht zu haben, denn die Gestalt dreht sich in meine Richtung. Der diesige Schein der Straßenlaterne reicht aus, um das Profil zuzuordnen. Es beweist mir, was ich erwartet hatte.
"Oh." Er beginnt, zu Lächeln. "Hallo, Kleine!"
Ab diesem Moment überrennt mich die Wut, nimmt mir alle Gedanken und sämtliche rationalen Entscheidungen.
Das Poltern meiner Stiefel hallt dumpf in den Wänden wider, als ich auf ihn zuhalte. Innerhalb weniger Sprünge bin ich vor ihm und stoße ihn mit aller Kraft nach hinten. Das Messer rutscht ihm aus der Hand, als er mit dem Kopf auf dem Pflaster aufschlägt. Ich schnappe es mir und werfe mich auf ihn, bevor auch nur eine Chance besteht, er könne sich aufrappeln.
Nun stehe ich mit meinem gesamten Gewicht auf seinem Brustkorb. Wieder lacht er, auch wenn es nicht mehr ganz so selbstsicher klingt. Er versucht, mich herunterzustoßen, hat dabei aber nicht bedacht, dass ich jünger war, als wir uns das letzte Mal begegnet sind. Jünger, und vor allem kleiner und schwächer.
Damals wäre ich fast nicht mit dem Leben davongekommen und trage bis heute Narben an mir. Aber heute wird das anders ausgehen, heute kommt nur einer lebend raus.
Er möchte sich gerade aufrichten, als ich ihm das Messer an die Kehle drücke. Für einen kurzen Moment sehe ich Angst in seinen Augen aufflackern. Diese Momentaufnahme reicht, um mich zum Weitermachen anzutreiben.
,,Du glaubst nicht wirklich, dass du es schaffst, mich zu töten, oder?", flüstert er.
,,Du glaubst nicht wirklich, dass ich den Mörder meiner Schwester lebend davonkommen lasse, oder?"
Ich warte seine Antwort erst gar nicht ab, sondern drücke die Klinge etwas stärker gegen seine Haut. Ein dünnes Rinnsal aus hellem Blut tropft vom Metall.
Wieder, diesmal hektischer, versucht er, mich herunterzuschubsen, doch es bringt mich nur dazu, das Messer leicht vor- und zurückzubewegen.
,,Na, wie gefällt dir das?" Als Antwort bekomme ich nur ein schmerzerfülltes Keuchen.
,,Ist doch schön, so im Dreck zu liegen, nicht wahr? Da fühlt man sich doch richtig wohl!" Ich schreie fast.
Seine Augen finden meine, als er zischt: ,,Du hättest es verdient!"
,,Mag sein, dass das so ist. Aber sie nicht. Sie ist nicht ich. Sie hat es nicht verdient!" Tränen brennen in meinen Augen, ich blinzle sie weg. Niemals würde ich ihm die Genugtuung geben, mich weinen zu sehen.
Wieder holt er Luft, um etwas zu sagen. ,,Jetzt kannst du den Rest deines Lebens, wir werden sehen, wie lange genau, damit verbringen, sie zu betrauern. Kannst du dir wirklich verzeihen, Schuld an ihrem Tod zu sein?"
Die Worte treffen mich härter als gewollt. ,,Nein, das kann ich nicht. Um genau zu sein, gibt es nur eine einzige Sache, die noch schlimmer für mich wäre. Und das ist, dich am Leben zu lassen!" Im selben Atemzug stütze ich mich auf das Messer und schneide ihm die Kehle durch.
Blut sprudelt aus der Wunde, sehr viel Blut. Es ist überall, auf ihm, auf dem Boden, an meinen Händen. Ein Röcheln dringt aus seinem Mund.
Fasziniert sehe ich zu, wie sich sein Körper kurz verkrampft und dann zum letzten Mal ausatmet.
Ich sehe ihn, sehe die zerfetzte Kehle und denke, es reicht nicht, es reicht noch nicht. Er soll verunstaltet sein, zerstört, genau, wie er es ihr angetan hat.
Ich hole ein zweites Mal aus und treffe mit der Klinge in sein Herz, treibe die Waffe tiefer und tiefer ins Fleisch und lasse sie schließlich stecken.
Meine Hände sind blutverschmiert, ich wische sie an meiner Hose ab.
Dann ist es still.
Auf seinem Oberteil bilden sich dunkle Flecken, allmählich weicht die Nässe durch. Ich betrachte ihn noch einmal ganz genau, die Wunde am Hals, aus der immer noch rote Flüsse sprudeln, die Hände, an denen das Blut meiner Schwester klebt und letztendlich das Messer in seiner Brust.
Meine Lippen verziehen sich zu einem leichten Lächeln. Für einen kurzen Moment möchte ich in Genugtuung schwelgen, möchte mich freuen, ihn endlich, endlich losgeworden zu sein, und mit diesem Kapitel für immer abzuschließen.
Dann wende ich mich ab, sinke vor mein letztes Familienmitglied.
Als ich vorsichtig ihre Stichwunde mit meiner Jacke abdecke und ihr die Augen schließe, bahnen sich die Tränen doch ihren Weg heraus. Heiß laufen sie über mein Gesicht und machen dabei alles so verdammt real.
Mein Blick ist noch verschwommen, als ich behutsam die Hand meiner Schwester drücke. So gerne würde ich ihr einen ehrvollen Abschied bereiten, aber mir ist nur zu gut bewusst, wie abwegig das auch nur klingt. Wer auf der Straße stirbt, hat meist kein Geld, keine Möglichkeiten.
So ist das hier nun mal, dort, wo Überleben zum Kampf wird, und der Tod zur Gewohnheit.
Lange sitze ich dort, kauere neben dem leblosen Körper, bis ihm alle Wärme entwichen ist. Kleine Bäche laufen mir über die Wangen.
Stumme Tränen, lautester Schmerz.
Frida
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