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Eisblaue Augen starrten mich aus der Tiefe des Sees an.
Es waren meine eigenen Augen, die sich in der seltsam klaren Oberfläche des Eises spiegelten. Trotzdem konnte ich das mulmige Gefühl in meinem Inneren nicht verdrängen, dass sich in mir breitmachte, als ich langsam meine Handschuhe von den Fingern zog und in die Hocke ging, um meine ohnehin schon durchgefrorenen Hände auf der Eisfläche zu platzieren.
Es war früh am Morgen, so früh, dass keine Menschenseele sich durch den Wald hierhergewagt hatte, um Schlittschuh zu laufen oder was immer sonst Menschen an zugefrorenen Seen machten. Aber das war ein anderes Mysterium.
Konzentriert ließ ich mein Bewusstsein in das Eis fließen und nahm bald schon die gesamte Fläche des Sees mit einem unbestimmten Sinn in mir wahr.
Als ich diese erfasst hatte, wagte ich mich Zentimeter um Zentimeter tiefer hervor in den See, durchdrang die Eisschicht und nahm die Fische wahr, die am Boden des Sees der Kälte ausharrten. Aber das alles war nicht ungewöhnlich für einen Wintersee. Was ich suchte—
Ich zuckte heftiger zusammen, als logisch gewesen wäre, als ich fand, wonach ich gesucht hatte. Sie lag am Grund des Sees, so unverkennbar wie ein Blutstropfen auf einer weißen Leinwand. Etwas, das entschieden nicht hierhergehörte.
Der Körper meiner Schwester.
Obwohl ich gleichzeitig gehofft und gefürchtet hatte, sie so zu finden, war ich doch nicht vorbereitet darauf gewesen, ihre Leblosigkeit so unvermittelt zu spüren zu bekommen und ich zog mich schnell wieder aus dem Wasser zurück.
Als der Zettel gestern auf meinem Tisch gelegen hatte, auf dem stand, sie befände sich hier, hatte ich mir keine Illusionen gemacht, dass es sich um eine Lüge handelte. Wir Anderen konnten nicht lügen, nicht mit Worten und nicht auf Papier. Seit dem hatte mein Gehirn nicht mehr aufhören können, mich mit Fragen zu bombadieren. Wie war jemand in mein so gut gesichertes Zuhause hinein- und wieder hinausgekommen? Wer wollte meine Schwester tot und mich anschließend davon wissen lassen?
Und wie konnte es sein, dass sie hier unter dem seit Wochen gefrorenen Eis lag, wenn ich sie erst vorgestern noch gesehen hatte?
Aus irgendeinem Grund war es diese letzte Frage, die mir in diesem Moment keine Ruhe ließ. Ich kniete im Schnee am Ufer, stülpte meine Handschuhe wieder über meine Hände, die ich mittlerweile nicht mal mehr fühlen konnte, und starrte über den stillen See.
Ich atmete tief ein und aus und versuchte, logisch zu denken. Wer immer mir den Zettel geschrieben hatte, hatte darauf abgezielt, dass ich hierhin kommen würde. Ich war hier in dem vollen Bewusstsein, dass es sich um eine Falle handeln könnte.
Aber wer immer außer mir noch hier war, in dem reifüberzogenen Laub kauerte, hatte etwas mit dem Tod meiner Schwester zu tun.
Und wenn ich ihr eins schuldete, dann war es, ihre Mörder zu finden.
Deshalb lief ich nicht weg, sondern blieb wachsam am Ufer stehen, tastete mit meinem Sinn durch den umliegenden Wald, suchte. Doch ich fand nichts. Was nicht hieß, dass niemand da war; gewisse Andere konnten ihre Präsenz unsichtbar machen und ich war keine Meisterin in den anderen Künsten.
Wind wehte über den See auf mich zu, dann — ich erstarrte. Ein Luftzug erreichte mich aus dem Wald. Der Wind kam nicht aus dem Wald. Scheiße.
Ein Stück kaltes Metall presste sich von hinten an meine Kehle. Kein Eisen. Das hier war kein Mensch, auch wenn ich diese Möglichkeit ohnehin ausgeschlossen hatte. Aber noch lebte ich. Noch hatte ich eine Chance.
„Endlich treffen wir uns“, murmelte eine tiefe, aber unverkennbar weibliche Stimme hinter mir. „Winterkönigin.“
Langsam atmete ich aus. Darum ging es also. Diese verfluchte alte Legende, aufgrund derer bereits zahllose Menschen ums Leben gekommen waren.
„Ich bin nicht die Winterkönigin“, antwortete ich so ruhig wie möglich ich es mit meinem pochenden Herzen vermochte. „Und meine Schwester war es ebenso nicht. Lass mich gehen.“
Ein leichtes Zittern meiner Stimme verriet mein heftig pochendes Herz. Ich wagte kaum, zu atmen.
„Wenn du wüsstest, dass dein Tod den Winter für immer beenden könnte“, raunte die Stimme weiter, „würdest du dich hingeben? Würdest du dich opfern für das Wohl aller?“
Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich hatte eine Waffe mitgebracht, doch diese steckte in meinem Stiefel, unerreichbar.
„Nicht, wenn ich es nicht sicher wüsste“, antwortete ich, einfach, um Zeit zu gewinnen.
„Oh, aber du weißt es. Hast den Ruf in deiner Seele gespürt.“
„Gar nichts habe ich gespürt!“ Die Angst in mir wich langsam Wut.
Die Jäger der Winterkönigin waren eine Gruppe fanatischer Anderer, die seit Jahrhunderten versuchten, die Winterkönigin zu finden, deren Tod den Winter für immer beenden würde. Zahlreiche Menschen waren ihnen seit dem zum Opfer gefallen, und doch kam jedes Jahr der Winter wieder.
Ich von allen Leuten wäre mehr als nur glücklich, wenn der Winter auf immer enden würde.
„Warum sollte ich dir glauben? Hör auf, nur an dich zu denken. Nimm es an. Dein Tod wird uns alle befreien.“
Meine eiskalten Hände ballten sich zu Fäusten, Tränen der Wut sammelten sich in meinen Augen.
„Was kann ich sagen, damit du mir glaubst?“
Die Stimme hinter mir blieb stumm.
Ich spürte das eisige Metall an meiner Kehle, dessen Kälte sich langsam durch meinen Körper zog. Ich schloss die Augen. Es gab keine Möglichkeit, wie ich hier lebend rauskommen würde. Meine Schwester war immer die schlauere von uns beiden.
Ich nahm einen Atemzug, in der Erwartung, dass es mein letzter sein würde.
Julia
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