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Am Anfang war es weiß

Lasse hat mich einmal nach einem Satz gefragt. Ich sagte einen Satz, der mir in den Kopf kam, ohne Zusammenhang, ohne tiefgründige Gedanken. Daraus hat er eine krasse Geschichte geschrieben und dieser Satz hat dazu geführt.

 

Als Revanche will ich das Gleiche jetzt auch machen. Lasses Satz lautet: Die Erde dreht sich im Kreis und die Welt dreht sich um die Sonne.

 

 

Die Erde dreht sich im Kreis und die Welt dreht sich um die Sonne. Aber war das wirklich so einfach? Eine eigentlich simple Tatsache, die seit Beginn der Unterrichtsstunde im Raum hing und wie ein Gesetz von der Lehrerin mit den braunen Locken und der blauen Brille vermittelt wurde.

 

Irgendetwas daran störte sie.

 

Ja, an sich stimmte es, aber hinter diesem Satz war noch so viel mehr.

 

Niemand wusste es, keiner kannte ihre wahre Identität, niemand ihr Geheimnis.

 

Wie sehr sie sich doch wünschte, ganz normal zu sein. Eine brave Schülerin, die die Wörter der Lehrer hören und glauben würde, jemand der sich keine Sorgen machen musste, ein ganz normaler Mensch.

 

Doch das war sie nicht. Ihr Leben bestand aus Lügen, die ihr jeder glaubte. Jeder dachte von ihr, sie hieße Mary, hatte schwarze Haare, blaue Augen, war 16 Jahre alt, klassischen Look, besaß ein Handy und eine Familie mit einem stinknormalen Haus.

 

Doch simpel war für sie ein Fremdwort, Deutsch war für sie eine Fremdsprache.

 

Denn sie war eine Schöpferin. Sie alterte nicht und ihre Macht war unglaublich groß. Doch diese schwand. Ihre Aufgabe war, Dinge zu erschaffen, Leben sprießen zu lassen, Kontrolle zu behalten. Aber ihre Welt war kaputt, krank, erschöpft. Und das spürte sie bis auf Knochen und Mark.

 

Seit mehreren Jahren ging sie in die Schule. Ein Gymnasium in einer gewöhnlichen Stadt. Sie färbte ihre Haare, trug Kontaktlinsen und versuchte, den Unterrichtsstoff zu glauben und zu lernen.

 

 

Der Gong ertönte, Schüler erhoben sich von den Stühlen und stürmten aus dem Saal. Anfang blieb sitzen, strich sich die schwarzen Haare aus der Stirn und versuchte ruhig zu atmen. Die Lehrerin, Frau Stein, betrachtete sie und kam langsam auf sie zu, bis sie letztendlich vor ihrem Tisch stehen blieb. Anfang blickte auf, die eigentlich weißen Augen schauten in die braunen, die von Falten umgeben waren.

 

Die Lehrerin warf ihren Blick auf Anfangs Hände, die sich krampfhaft ins Fleisch ihres Bauches krallten. Sie bemerkte es und ließ ganz plötzlich die Haut los, so als wäre dies nie passiert. Besorgt kniete sich Frau Stein hin und fragte vorsichtig, als könnten ihre Worte jemanden schmerzhaft schlagen: ,,Was ist los? Geht es dir nicht gut?“ Kopfschüttelnd stand Anfang auf. ,,Alles okay, hab nur Bauchweh.“

 

Sie verließ eilig das Schulgelände, den Kopf gesenkt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

 

Das was sie gesagt hatte, hallte immer wieder in ihrem Kopf nach. Bauchweh, die Untertreibung des Jahrhunderts! Schmerzen flossen wie brennende Glut durch ihren gesamten Körper. Sie bemerkte, wie ihre Hände sich langsam rot färbten, Schweiß sammelte sich an der weichen Stirn und die schneeweißen Augen unter dem blauen Mantel verwandelten sich in ein kräftiges Rot-Orange.

 

Sie seufzte. So viel Waldbrand auf der Welt gab es selten. Aber vermutlich kam das jetzt öfter vor.

 

Der asphaltierte Weg führte auf ein Feld. Halme und Gräser waren trocken und strohgelb. Sie fühlte die Trockenheit. Ihre Hände und Lippen verloren Feuchtigkeit und Risse bildeten sich. Weiterer Schmerz bohrte sich tief in ihre Haut. Sie kniff die Augen zusammen.

 

Nachdem sie sichergegangen war, dass niemand sie sehen konnte, spreizte sie ihre Hände und ließ Mengen an Wasser in die Erde sickern. Augenblicklich schlossen sich die Risse in der Haut und sie atmete beruhigt aus. Abermals wünschte sie, sie könnte die gesamte Erde befeuchten, den Boden mit den richtigen Nährstoffen füttern, den Pflanzen beim Wachsen helfen. Diese Aufgabe war selbst für sie unmöglich. Jeder Liter fühlte sich für einen normalen Menschen wahrscheinlich an, wie 5 Minuten Sport jeglicher Art. Würde sie die gesamte Welt mit genügend Wasser versorgen, wäre sie für die nächsten tausend Jahre so gut wie tot. Macht war nicht unendlich.

 

 

_____________________________________________ 5 Jahre später______________________________________________

 

 

Erschöpft lag sie auf dem Weg. Schmerzen, stark wie noch nie, schlängelten sich durch ihre Adern. Sie trug keine Kontaktlinsen. Die schwarze Farbe war ausgewaschen und das Weiß ihrer Haare bildete einen Kontrast zum Asphalt. Keuchend lag sie dort, schwach und krank. Die Welt war krank, sehr krank, es wurde schlimmer von Tag zu Tag – und das spürte sie.

 

Der Weg war nass und rissig unter ihr. Feuchtigkeit von Schweiß und Tränen sammelte sich unter ihrem zitternden Körper. Sie suchte Halt, freudige Emotionen, doch nichts.

 

Augenblicklich bemerkte sie ein leichtes Erschüttern unter ihrem Ohr und erschrak. Jemand kam näher, niemand durfte sie so erkennen. Sie führte die Hand zu ihren Wangen und wandelte das Weiß ihrer Haare in ein natürliches Braun und die weißen Augen in braune.

 

Der Jemand blieb vor ihr stehen, ging in die Hocke und sagte: ,,Hey, kann man dir helfen? Sieht so aus, als hättest du deine Kontrolle verloren.“

 

Die wunderschöne, tiefe Stimme drang weiter in ihr Bewusstsein und sie setzte sich auf. Als sie zu dem jungen Mann aufsah, traute sie ihren Augen nicht. Schneeweißes kurzes Haar umrahmte ein kantiges, aber weiches Gesicht und weiße, dominante Augen sahen tief in ihre. Sie bekam keine Luft, legte die kranke Hand aufs Herz und ohne es zu kontrollieren, schwand die gefälschte Farbe und sie zeigte zum Allerersten Mal ihre wahre Identität.

 

Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

 

Weiß schaute in Weiß.

 

Letta

 


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