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4:30 Uhr, ein Koffer voller Saumagen und Wein und ein Ziel; Dessau-Roßlau - eine Stadt in Sachsen-Anhalt.
So kann man den Anfang einer Reise beschreiben, welche im Nachhinein für viele von uns neue Freundschaften, Perspektiven und eventuell auch ein neues dauerhaftes Fahrten-Angebot in
Rheinland-Pfalz bedeutet.
Im Rahmen der historischen Städtepartnerschaft zwischen der anhaltischen Stadt Dessau-Roßlau (ehemalig DDR) und Ludwigshafen am Rhein hatten sich der Verein für pfälzische Kirchengeschichte e.V.,
der Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt, mit Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur entschlossen ein Pilotprojekt mit
Schüleraustausch zu starten, um alte Verbindungen wieder aufleben zu lassen. Weitere Unterstützung kam von, der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, dem Verband der
Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands (LV Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz). Auch das Gymnasium Philantopinum war involviert. Die praktische Umsetzung lag beim Archiv der Evangelischen
Kirche in Anhalt in Dessau, dem Statdarchiv Dessau und dem Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv Halle (Saale). Organisiert durch apl. Prof. Dr. Ulrich Wien (RPTU Landau) und Björn Kilian
(Fachberater Geschichte bei der Schulaufsicht) und weiteren, wurde mit einer kleinen Auswahl rheinland-pfälzischer geschichtsinteressierter Schüler.innen und Dessauer Schüler:innen die Spionage
des Ministeriums für Staatssicherheit in Ost- und auch in Westdeutschland erforscht.
Eine Gruppe von insgesamt zwölf Rheinlandpfälzer:innen - darunter auch ich - machten sich also am Sonntag den 21.06.2026 von Mannheim mit dem Zug auf den Weg nach Sachsen-Anhalt. Für die
Annweilerer Schüler:innen bedeutet das spätestens um 4 Uhr nachts aufstehen, denn unsere Reise startete um 4:30 Uhr an der Schule, von wo es dann mit dem Taxi nach Mannheim ging.
Absolut müde erreichten wir den Mannheimer Bahnhof gegen 5:30 Uhr und wunderten uns alle, warum wir so früh aufgestanden waren.
Circa eine Stunde und ein paar Einkäufe, gegessene Snacks und rege Morgengespräche später machten wir uns auf den Weg zum Bahngleis.
Inzwischen waren auch die Schüler:innen anderer Schulen - genauer von dem THG in Ludwigshafen und dem ESG und MSG in Landau - eingetroffen.
In Erwartung auf viele Verspätungen von Seiten der Deutschen Bahn und Anderem, hatte man im Zeitplan einen großen Puffer eingeplant und so war die Stimmung ausgelassen und es wurden zahlreiche
Runden „Wer bin ich" gespielt, über Bücher diskutiert und geschlafen. In Frankfurt schafften wir den Umstieg in den zweiten ICE und waren plötzlich im Zeitplan.
So kam es, dass wir in Leipzig eine zweistündige Pause einlegten, auch bedingt dadurch, das unser Anschlusszug entschieden hatte, einfach an diesem Tag nicht in Dessau zu halten.
Prof. Dr. Wien, von der RPTU, gab uns in den zwei Stunden eine umfangreiche Stadtführung.
Anschließend fuhren wir weiter nach Dessau. Trotz der zweistündigen Pause, kamen wir in Dessau eine Stunden zu früh an, wodurch wir die Zeit in der Jugendherberge nutzten, uns den anderen
Schüler:innen vorzustellen. Danach ging das Kennenlernen sofort weiter, denn die Dessauer Schüler:innen trafen ein.
Gemeinsam interpretierten wir Karrikaturen und Fotographien und lauschten einem Einstiegsvortrag zur Städtepartnerschaft zwischen Ludwigshafen und Dessau-Roßlau. Auch das DDR-BRD-Verhältnis war
Thema.
Nach der Einführung grillten wir gemeinsam, das Kennenlernen startete in die zweite Phase und auch die Lehrkräfte Herr Dr. Groß, Herr Kilian, Frau Ditz aus Rheinland-Pfalz und Frau Küster aus
Dessau verstanden sich blendend.
Gegen Ende des Essens wurde dann auch der Saumagen ausgepackt und auf den Grill gelegt.
Was hat es nun mit dem ominösen Saumagen auf sich?
Saumagen hatte als regionale Speise in der Außenpolitik von Helmut Kohl eine große Rolle eingenommen.
Also kam einer unserer Lehrkräfte auf die großartige Idee den Dessauern pfälzisches Kulturgut mitzubringen, worauf kurzerhand ein extra Koffer voller eingeschweißter Saumagenscheiben und
alkoholfreier Weine gepackt wurde, der dadurch und mit weitere Gastgeschenken gefüllt so schwer war, dass er in Mannheim mit einem Schüler die Rolltreppe runterfiel und in Frankfurt fasst in
einer Lache voller Urin landete.
Trotz seines Gewichts fand er aber den Weg nach Dessau, wo der Saumagen beim Grillen misstrauisch beäugt und dann gezwungenermaßen probiert wurde. Die Reaktion waren dabei unterschiedlich
ausgeprägt.
Im Gegenzug zur pfälzer Kulinarik durften wir typisch ostdeutsche Süßigkeiten probieren.
Der Abend endete mit vielen Gesprächen, Brettspielen und anderen Freizeitaktivitäten. Schon früh wurde klar, wenn es um die Gesellschaft geht bleibt Deutschland geteilt. Das konnte man nicht nur an den typischen „Wessie" oder „Ossi" Begriff erkennen, sondern auch an einer anderen Debattenkultur, einem gefühlten größerem Patriotismus und auch einem großen geschichtsbelastenden politischen Unterschied.
Mit dieser unerwarteten Erkenntnis startete der nächste Tag. Bei 30 Grad Außentemperatur verbrachten wir den gesamten Tag im Stadtarchiv Dessau und dem Kirchenarchiv, wobei wir in Arbeitsgruppen
aufgeteilt waren, in denen wir uns mit Hilfe von echten oder kopierten Akten - im Großteil von der Staatssicherheit - einen Überblick zu zugeteilten Themen verschafften.
Zwichen Arbeitsphasen lauschten wir Vorträgen zum Stadionbau in Dessau und Ludwigshafen aus Trümmer und Städtepartnerschaften, sowie einem Zeitzeugen, der von seiner Zeit in der DDR als Pfarrer
berichtete.
Hintergrund dafür war auch eine kirchliche Partnerschaft der Ludwigshafener Kirche und der in Dessau zu DDR-Zeiten. In der DDR waren Kirchen dauerhaft im Kampf um ihre Existenz, da die DDR
eigentlich einen Atheismus vertrat. Kirche war also für die DDR ein Gegner und eine Gefahr. Das hatte zu Folge, dass die Kirchen weniger Geld erhielten und Christen teilweise Abitur- und
Studienverbote erhielten. Die Partnerschaft zeigte uns eine neue Seite der deutschen Teilung.
Am Abend erkundeten wir in Führung der Dessauer Schülerschaft die Stadt und aßen gemeinsam.
Auch hier schlossen sich wieder zahlreiche politische, gesellschaftliche, aber auch normale Unterhaltungen an.
Schnell war uns allen klar, wir passten zueinander, egal woher wir kommen und was unsere Geschichte war.
Schade, dass der nächste Tag auch schon der Letzte sein sollte.
Dieser Tag begann wieder zur frühen Stunde, sodass wir um 6:30 Uhr aufbrachen um nach Halle(Saale) zu fahren. Dort besuchten wir die Gedenkstätte „Roter Ochse" - ein ehemaliges
Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, das größtenteils heutzutage als Jugendhaftanstalt genutzt wird.
Nach einer einstündigen Führung brachen wir zusammen ins Stasi-Unterlagen-Archiv Halle auf, wo wir wieder in Arbeitsgruppen weiter an unseren Projekten arbeiteten, die wir als Lernprodukt
erstellen sollen.
Im Archiv erzählte uns eine Archivarin, welche schon seit der Gründung dort tätig ist, wie sie damals anfing. Sie zeigte uns Bilder von einem ganzen mehrstöckigen Gebäude, indem jeder Raum
vollgestopft war mit Akten des Ministeriums für Staatssicherheit.
Auch über die Arbeit als Archivar erfuhren wir näheres, sowie die Verfahrensweise bei der Antragstellung zur Einsicht in Archiv-Unterlagen.
Und plötzlich war es soweit. Die Abreise stand an. Auf die harte Tour merkten sowohl wir Pfälzer:innen, als auch die Dessauer, wie sehr wir in der kurzen Zeit zusammengewachsen waren.
Auch die Lehrkräfte fanden, obwohl sie wussten, dass ihre Schüler:innen aus den verschiedensten Regionen stammten, dass die Gruppe eher wie eine einheitliche Klasse wirkte. Schnell wurden noch
Nummern und Kontakte ausgetauscht, bevor es für uns wieder zurück zur Pfalz gehen sollte.Trotz Änderungen in der Verbindung verlief bis Mannheim die von Schlafmangel und entsprechender Müdigkeit
geprägte Fahrt ohne große Komplikationen.
Das änderte sich aber auf den letzten Metern, denn ab Ludwigshafen verspätete sich die S-Bahn und die Anschlusszüge fielen aus. So strandete die übrige Gruppe in Neustadt, wo sich ein Teil
abholen ließ. Der andere Teil hatte eigentlich geplant den nächsten Zug zu nehmen, welche aber aufgrund der bundesweiten IT-Störung der Bahn nicht fuhr. Auch sie mussten sich im Endeffekt von
Neustadt abholen lassen.
Insgesamt hat jeder von uns ganz viel mitgenommen und auch neue Freundschaften geknüpft. So schnell, dass teilweise schon Besuchspläne für die Sommerferien geschmiedet wurden. Auch die Lehrkräfte
waren vollkommen begeistert und planen, wenn die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, einen Gegenaustauch von Dessau in die Pfalz. Dafür müssen jetzt aber erstmal Evaluationen und
Auswertungsberichte den Bildungsministerien vorgelegt werden. Die Fahrt war also (abgesehen von der Deutschen Bahn) ein voller Erfolg!
Lasse
Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit ind Halle (Saale) rechts und Stadtarchiv Dessau-Roßlau links. Foto: Lasse Nägle
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